Frances Tustin und der „autistische Rückzug“
Frances Tustin und der „autistische Rückzug“
Frances Tustin
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DESCRIPTION: Frances Tustin beschrieb eingekapselte Rückzugszustände bei erwachsenen Patienten, die keineswegs autistisch waren. Ihre Autismustheorie ist überholt, ihre klinischen Beschreibungen werden weiter gelesen.
Der „autistische Panzer“ bei Erwachsenen ohne Autismus
Frances Tustin veröffentlichte 1986 Autistic Barriers in Neurotic Patients. Das Buch handelt nicht von autistischen Erwachsenen, sondern von Patienten ohne Autismusdiagnose. Tustin beschreibt bei ihnen abgegrenzte Erlebnis- und Funktionsbereiche, die im psychoanalytischen Prozess kaum erreichbar bleiben: Es wird gesprochen, gedeutet und verstanden, ohne dass bestimmte psychische Bezirke davon berührt werden.
Ihre Theorie über die Entstehung des kindlichen Autismus ist überholt. Sie hat zentrale Annahmen später selbst zurückgenommen. Ihre klinischen Beschreibungen von Rückzug, sensorischer Selbststabilisierung und psychischer Abschottung werden dagegen weiter geschätzt. Beides muss getrennt werden: eine falsche Ursachenzuschreibung des Autismus einerseits, eine historische klinische Begrifflichkeit für Rückzugsphänomene bei nicht autistischen Erwachsenen andererseits.
Frances Tustin
Frances Tustin wurde 1913 in Darlington geboren und starb am 11. November 1994. Sie arbeitete zunächst als Lehrerin. Über einen Kurs bei Susan Isaacs kam sie 1943 zur Psychoanalyse. Von 1950 bis 1953 ließ sie sich an der Tavistock Clinic zur Kinderpsychotherapeutin ausbilden. Ihre Lehranalyse bei Wilfred Bion dauerte sechzehn Jahre. Zu ihren Supervisoren zählten Esther Bick, Herbert Rosenfeld und Donald Meltzer. 1984 wurde sie Honorary Affiliate der British Psychoanalytical Society.
Zu ihren wichtigsten Büchern gehören Autism and Childhood Psychosis (1972), Autistic States in Children (1981), Autistic Barriers in Neurotic Patients (1986) und The Protective Shell in Children and Adults (1990).
Die Abfolge markiert eine Verschiebung ihres Interesses: vom autistischen Kind zu abgeschotteten psychischen Zuständen bei Kindern und Erwachsenen ohne Autismusdiagnose.
Gegenstände und Formen
Tustin unterschied zwei Phänomene, die sie als Formen elementarer Selbstberuhigung auffasste.
Autistische Gegenstände sind hart und Wahrnehmungsreize. Ein Schlüsselbund, ein Stück Metall oder ein Spielzeugauto wird in die Hand gedrückt, nicht wegen seiner Funktion oder symbolischen Bedeutung, sondern wegen seines Drucks auf die Haut. Entscheidend ist das Gefühl von Festigkeit, Begrenzung und Widerstand. Der einzelne Gegenstand ist dabei austauschbar. Seine materielle Beschaffenheit zählt mehr als seine persönliche Bedeutung.
Autistische Formen sind demgegenüber weich und weniger gegenständlich. Tustin verstand darunter vage, körpernahe Empfindungsgebilde, die ungeordnete Sinneseindrücke bündeln und beruhigen sollen. Sie verortete sie etwa im Umgang mit Speichel, Nahrung im Mund oder anderen weichen Körpermaterialien. Diese Formen erzeugen, in ihrer Beschreibung, ein jederzeit verfügbares Gefühl von Wärme und Umhüllung.
Beide Phänomene sind für Tustin dadurch bestimmt, dass sie kein Gegenüber benötigen. Der Gegenstand antwortet nicht. Die Form verlangt keine Beziehung. Darin liegt ihre stabilisierende Funktion, aber auch ihre Begrenzung: Sie reduzieren Abhängigkeit und schützen vor Überforderung, halten zugleich jedoch Beziehung und affektive Verarbeitung auf Abstand.
EinEinkapselungung
Aus solchen Beobachtungen entwickelte Tustin den Begriff der autistischen Einkapselung oder des autistischen Panzers. Sie beschrieb damit einen körperlich-seelischen Schutzvorgang, der dem psychischen Abwehrmechanismus vorausgeht: einen frühen und verdinglichten Vorläufer von Verdrängung, Verleugnung oder Vergessen.
Gemeint ist ein psychischer Bereich, in dem elementare Ängste nicht symbolisch verarbeitet, sondern abgesperrt bleiben. Dazu rechnete Tustin Ängste vor dem Zerfließen, dem Fallen, dem Verschwinden, dem Nichts oder einer körperlich erlebten Verstümmelung. Der betroffene Bereich wird nicht bearbeitet oder integriert. Er wird abgedichtet.
Bereits 1972 hielt Tustin fest, dass sich solche Einkapselungen auch in der Charakterorganisation vergleichsweise unauffälliger Menschen finden könnten. Als Hinweise nannte sie starre Spaltungen, oberflächliche Identifizierungen und ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis. Sie verband diese Organisation unter anderem mit Phobien, Schlafstörungen, Anorexia nervosa, elektivem Mutismus, psychosomatischen Beschwerden und Lernstörungen.
Ihre Überlegung war, dass eine Lockerung des Panzers erhebliche affektive Instabilität freisetzen könne. Tustin erwähnte in diesem Zusammenhang manisch-depressive Schwankungen. Die Einkapselung erscheint bei ihr daher nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Notlösung: Sie hält etwas zusammen, das andernfalls als unregulierbar erlebt wird.
Das „schwarze Loch“
Besonders bekannt wurde Tustins Beschreibung des „schwarzen Lochs“. Sie geht auf einen Jungen zurück, den sie John nannte. Er erlebte die Brustwarze als einen Teil seines eigenen Mundes, der abgebrochen sei und fehle. Der Mund wurde in dieser Fantasie zu einem schwarzen Loch mit einem schmerzhaften oder bedrohlichen Stachel.
Tustin nahm dieses Bild als Ausdruck eines Erlebens, in dem die Trennung vom Körper eines anderen nicht als gewöhnliche Abwesenheit, sondern als körperliche Abtrennung erfahren wird. Hier liegt der unhaltbare Sprung ihrer Theorie: von der klinischen Beschreibung eines einzelnen Kindes zu einer allgemeinen Entwicklungs- und Entstehungstheorie des Autismus.
Tustin hat später selbst eingeräumt, dass ihre Begriffsbildung durch die Tradition ihrer kleinianischen Ausbildung beeinflusst war. Die Kategorien, in denen sie ihre Beobachtungen zunächst deutete, hätten das Vorgefundene nicht angemessen erfassen können.
Die Revision von 1991
1991 veröffentlichte Tustin im International Journal of Psycho-Analysis den Aufsatz „Revised Understandings of Psychogenic Autism“. Darin nahm sie die Annahme einer normalen primären autistischen Phase ausdrücklich zurück.
Die Ergebnisse der Säuglingsbeobachtung widerlegten, so Tustin, eine anfängliche autistische Entwicklungsphase zu postulieren. Entsprechend könne Autismus auch nicht als Fixierung auf eine solche Phase oder als Rückkehr zu ihr verstanden werden. Den Begriff „Autismus“ reservierte sie fortan für „pathologische Zustände“.
Die Revision hatte eine längere Vorgeschichte. Bereits 1986 ersetzte sie die Formulierung „psychogenic autism“ durch „psychobiological autism“. 1992 hielt sie fest, dass keine Form des kindlichen Autismus auf ausschließlich psychogene Ursachen zurückgeführt werden könne. Ihr letzter veröffentlichter Aufsatz von 1994 trägt den Titel „The Perpetuation of an Error“.
Dass eine Autorin zentrale Elemente ihres eigenen Werkes öffentlich zurücknimmt, ist in der psychoanalytischen Ideengeschichte selten. Tustins spätere Position wird jedoch häufig übergangen. Ihr Name steht bis heute oft für eine Auffassung, die sie selbst verworfen hatte.
Warum ihre Autismustheorie überholt ist
Autismus wird heute in ICD-11 und DSM-5-TR als „neurodevelopmentale Störung“ bezeichnet. Die Forschungsergebnisse verweisen auf ein komplexes genetisches und neurobiologisches Ursachengefüge. Einfache psychogene Erklärungen gelten als nicht haltbar.
Die große schwedische Familien- und Zwillingsstudie von Sandin und Kollegen aus dem Jahr 2017 analysierte 37.570 Zwillingspaare sowie 2.642.064 Geschwisterpaare mit insgesamt 14.516 Autismusdiagnosen. Sie schätzte die Erblichkeit auf etwa 83 Prozent. Umweltfaktoren, die bei den Geschwistern unterschiedlich waren, erklärten rund 17 Prozent der Varianz. Für übereinstimmende Umweltfaktoren ergab sich dabei praktisch keine relevante Auswirkung.
Damit ist ziemlich der gesamten Familie psychogener Autismustheorien der Boden entzogen, besonders Vorstellungen, Autismus gehe aus emotionaler Kälte, mangelnder Bindung oder einer schädigenden Eltern-Kind-Beziehung hervor. Die Figur der „Kühlschrankmutter“, die auf frühe Fehlinterpretationen bei Kanner zurückgeht und von Bruno Bettelheim popularisiert wurde, ist wissenschaftlich und ethisch diskreditiert.
Dianna Kenny hat Tustin 2019 in SAGE Open grundlegend kritisiert. Sie liest Tustins Werk als Beispiel für eine psychoanalytische Theoriebildung, die Befunde aus Säuglings- und Autismusforschung nicht ausreichend aufgenommen habe. Ihre Kritik richtet sich auch gegen das institutionelle und theoretische Gruppendenken im Umfeld von Klein, Bick und Tustin.
Tustin und die Schuldfrage
Tustin vertrat eine falsche Theorie der Autismusentstehung, beschuldigte Eltern jedoch nicht in der Weise, die ihr später gelegentlich zugeschrieben wurde.
Sie bezeichnete die Ideen von Kanner und Bettelheim als grausam und irrig. Ausdrücklich hielt sie fest, Autismus sei niemandes Schuld. Die meisten autistischen Kinder hätten, so Tustin, weder emotionale Kälte noch Vernachlässigung oder Gewalt durch ihre Eltern erfahren.
Das entlastet ihre Theorie nicht, unterscheidet sie aber von einer direkten Pathologisierung oder moralischen Anklage der Eltern. Ihre Position war falsch, ohne deshalb auf der Behauptung zu beruhen, Eltern seien an Autismus schuld.
Theoretischer Zusammenhang
Tustins Begriffe stehen in einem psychoanalytischen Umfeld, das sich mit der Entstehung psychischer Grenzen beschäftigt: mit der Frage, wie Innen und Außen, Selbst und Objekt, Körper und Beziehung vor der sprachlichen Symbolisierung organisiert werden.
Autor | Begriff | Zentraler Gedanke |
|---|---|---|
Esther Bick | Zweite Haut | Die Haut fungiert als erster psychischer Behälter. Wo ein haltendes Gegenüber fehlt, können Muskelspannung, Dauerbewegung oder Dauerreden eine Ersatzhülle bilden. |
Donald Meltzer | Klebende Identifizierung | Das Subjekt haftet an der Oberfläche des anderen, ohne einen psychischen Zwischenraum auszubilden. |
Thomas H. Ogden | Autistisch-kontigüe Position | Eine Erlebnisweise, in der Berührung, Oberfläche, Rhythmus und sensorische Nähe die Erfahrung organisieren. |
Didier Anzieu | Haut-Ich | Die Haut wird als Modell einer psychischen Hülle und Grenze verstanden. |
Wilfred Bion | Container-Contained | Unverdauliche Erfahrung kann durch die aufnehmende und verarbeitende Funktion eines Gegenübers psychisch denkbar werden. |
Diese Konzepte sind historisch und theoretisch miteinander verbunden, aber nicht identisch. Sie sollten weder zu einer einheitlichen Autismustheorie verschmolzen noch als diagnostische Kategorien verwendet werden.
Erwachsene Patienten ohne Autismus
Der engere klinische Kontext von Tustins Buch ist Sydney Kleins Aufsatz „Autistic Phenomena in Neurotic Patients“ von 1980. Klein beschrieb Patienten, deren Analyse äußerlich geordnet und produktiv wirken kann, während das Erleben in entscheidenden Bereichen dünn, formelhaft oder unberührt bleibt. Es wird reflektiert, verstanden und interpretiert. Dennoch verändert sich etwas Wesentliches nicht.
Judith Mitrani beschrieb 1992 die Überlebensfunktion „autistischer Manöver“ bei erwachsenen Patienten. Gemeint sind Verhaltensweisen, die zunächst wie Widerstand erscheinen können, tatsächlich aber eine stabilisierende Funktion haben: ein starres Einstiegsritual in die Sitzung, eine gleichbleibende Sprechweise, ein Gegenstand in der Hand, ein monotoner Tonfall oder eine wiederkehrende körperliche Handlung.
Solche Praktiken müssen nicht als bewusste Vermeidung verstanden werden. Sie können eine fragile psychische Organisation stützen, indem sie verhindern, dass unregulierte Affekte, Trennungsangst oder Desintegrationserleben übermächtig werden. Aus dieser Perspektive ist die Frage nicht nur, wie ein Verhalten therapeutisch verändert werden kann, sondern auch, welche Funktion es bisher erfüllt.
Der Frances Tustin Memorial Trust spricht in diesem Zusammenhang von autistischen Enklaven bei Kindern und Erwachsenen. „Enklave“ ist als Bild präziser als „Einkapselung“: Gemeint ist ein abgegrenzter Bereich mit einer eigenen Logik innerhalb einer ansonsten anders organisierten Persönlichkeit.
Keine Aussage über Autismus
Die problematische Wirkung dieser Begriffstradition beginnt dort, wo ihre Sprache diagnostisch missverstanden wird. Was Tustin, Klein und Mitrani bei erwachsenen neurotischen Patienten beschrieben, ist nicht Autismus, kein „milder Autismus“ und kein verborgenes Autismusspektrum.
Es handelt sich um psychoanalytische Beschreibungen von Rückzug, Selbststabilisierung und schwer erreichbaren psychischen Funktionsbereichen bei Menschen mit anderen klinischen Konstellationen. Die Verwendung des Wortes „autistisch“ ist historisch bedingt und aus heutiger Sicht irreführend. Sie stammt aus einer Epoche, in der Autismus teilweise als erworbener Zustand verstanden wurde.
Wer heute von einer „autistischen Einkapselung“ bei einem nicht autistischen Erwachsenen spricht, sollte daher präzisieren: Gemeint ist eine bestimmte klinische Beschreibung, nicht eine Aussage über Autismus. Umgekehrt sind Tustins Begriffe kein geeignetes Instrument zur Deutung autistischer Menschen. Stimming, Rückzug, repetitive Handlungen und sensorische Selbstregulation autistischer Menschen sind nicht ohne Weiteres als „Einkapselung“, „Abwehr“ oder „Beziehungsflucht“ zu lesen. Sie stehen in Zusammenhang mit einer spezifischen Reizverarbeitung und können regulierende, kommunikative oder funktionale Bedeutungen haben.
Was von Tustin bleibt
Drei Aspekte ihres Werkes bleiben lesenswert, auch wenn ihre Ätiologie des Autismus klar zurückgewiesen wird.
· Die Beschreibung der sensorischen Funktion harter Gegenstände. Ein Gegenstand in der Faust, Druck auf der Haut oder eine bestimmte Oberfläche kann als konkrete Form von Selbststabilisierung wirken, ohne dass dies unmittelbar symbolisch oder biografisch interpretiert werden muss.
· Die Beobachtung, dass eine Therapie korrekt, ruhig und verständnisorientiert verlaufen kann, ohne bestimmte psychische Bereiche zu erreichen. Ein konfliktarmer Prozess ist nicht zwangsläufig ein produktiver. Glätte kann auch auf Abschottung hinweisen.
· Die öffentliche Selbstkorrektur. Tustin revidierte zentrale Annahmen, als empirische Befunde ihnen widersprachen. Ihr letzter Aufsatz über die Fortdauer eines Irrtums ist deshalb auch ein seltenes Dokument intellektueller Redlichkeit innerhalb der psychoanalytischen Tradition.
Das Wichtigste
• Frances Tustin beschrieb bei nicht autistischen Kindern und Erwachsenen einkapselnde Rückzugs- und Selbsthaltefunktionen, insbesondere in Autistic Barriers in Neurotic Patients von 1986 und The Protective Shell in Children and Adults von 1990.
• Ihre Begriffe umfassen harte „autistische Gegenstände“, weiche „autistische Formen“ und die Einkapselung als körperlich-seelischen Schutzvorgang.
• Tustin betrachtete solche abgegrenzten Bereiche nicht einfach als Abwehr, sondern als elementare Organisation gegen psychische Überforderung und Desintegration.
• Ihre Theorie eines psychogen verursachten Autismus ist widerlegt. Tustin revidierte wesentliche Teile ihrer eigenen Annahmen ab 1986 und zog 1991 die Hypothese einer normalen primären autistischen Phase ausdrücklich zurück.
• Autismus ist eine neurodevelopmentale Bedingung mit einer komplexen, überwiegend genetisch und neurobiologisch bestimmten Ätiologie. Psychogene Erklärungen und Elternschuldtheorien sind wissenschaftlich nicht haltbar.
• Tustin selbst lehnte die Schuldzuweisung an Eltern entschieden ab und bezeichnete entsprechende Theorien als grausam und irrig.
• Die bei nichtautistischen Erwachsenen beschriebenen Rückzugsphänomene dürfen nicht mit Autismus verwechselt werden. Sie sind weder diagnostischer Hinweis auf ein Autismus-Spektrum noch ein Modell zur Erklärung autistischen Erlebens.
Quellen
· Melanie Klein Trust, Eintrag „Frances Tustin" (Maria Rhode, 2017): https://melanie-klein-trust.org.uk/writers/frances-tustin/
· Frances Tustin Memorial Trust, About Frances Tustin: https://www.frances-tustin-autism.org/about-frances-tustin/
· Tustin, F.: Autism and Childhood Psychosis, Hogarth Press 1972; Autistic States in Children, Routledge & Kegan Paul 1981; Autistic Barriers in Neurotic Patients, Karnac 1986; The Protective Shell in Children and Adults, Karnac 1990
· Tustin, F.: Revised understandings of psychogenic autism, International Journal of Psycho-Analysis 72 (1991), 585–591: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/1797714/
· Taipale, J.: Caught on the surface. Tustin on autistic experience, Frontiers in Psychology 14 (2023), 1243310: https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2023.1243310
· Haag, G.: Autistic Capsule/Nucleus, in: International Dictionary of Psychoanalysis: https://www.encyclopedia.com/psychology/dictionaries-thesauruses-pictures-and-press-releases/autistic-capsulenucleus
· Kenny, D. T.: Faulty Theory, Failed Therapy. Frances Tustin, Infant and Child Psychoanalysis, and the Treatment of Autism Spectrum Disorders, SAGE Open 9 (2019): https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/2158244019832686
· Sandin, S., Lichtenstein, P., Kuja-Halkola, R., Hultman, C., Larsson, H., Reichenberg, A.: The Heritability of Autism Spectrum Disorder, JAMA 318 (2017), 1182–1184: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28973605/
· Bick, E.: The Experience of the Skin in Early Object-Relations, International Journal of Psycho-Analysis 49 (1968), 484–486
· Meltzer, D., Bremner, J., Hoxter, S., Weddell, D., Wittenberg, I.: Explorations in Autism. A Psycho-Analytical Study, Clunie Press 1975
· Ogden, T. H.: On the Concept of an Autistic-Contiguous Position, International Journal of Psycho-Analysis 70 (1989), 127–140; The Primitive Edge of Experience, Jason Aronson 1989
· Anzieu, D.: Le Moi-peau, Dunod 1985; deutsch: Das Haut-Ich, Suhrkamp: https://www.suhrkamp.de/buch/didier-anzieu-das-haut-ich-t-9783518288559
· Bion, W. R.: Learning from Experience, Heinemann 1962
· Klein, S.: Autistic Phenomena in Neurotic Patients, International Journal of Psycho-Analysis 61 (1980), 395–401
· Mitrani, J. L.: On the survival function of autistic manoeuvres in adult patients, International Journal of Psycho-Analysis 73 (1992), 549–559: https://bgsp.edu/app/uploads/2014/12/Mitrani-J-On-the-Survival-Function-of-Autistic-Manoeuvres-in-Adult-Patients.pdf
· Mitrani, J. L., Mitrani, T. (Hg.): Frances Tustin Today, Routledge 2015
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DESCRIPTION: Frances Tustin beschrieb eingekapselte Rückzugszustände bei erwachsenen Patienten, die keineswegs autistisch waren. Ihre Autismustheorie ist überholt, ihre klinischen Beschreibungen werden weiter gelesen.
Der „autistische Panzer“ bei Erwachsenen ohne Autismus
Frances Tustin veröffentlichte 1986 Autistic Barriers in Neurotic Patients. Das Buch handelt nicht von autistischen Erwachsenen, sondern von Patienten ohne Autismusdiagnose. Tustin beschreibt bei ihnen abgegrenzte Erlebnis- und Funktionsbereiche, die im psychoanalytischen Prozess kaum erreichbar bleiben: Es wird gesprochen, gedeutet und verstanden, ohne dass bestimmte psychische Bezirke davon berührt werden.
Ihre Theorie über die Entstehung des kindlichen Autismus ist überholt. Sie hat zentrale Annahmen später selbst zurückgenommen. Ihre klinischen Beschreibungen von Rückzug, sensorischer Selbststabilisierung und psychischer Abschottung werden dagegen weiter geschätzt. Beides muss getrennt werden: eine falsche Ursachenzuschreibung des Autismus einerseits, eine historische klinische Begrifflichkeit für Rückzugsphänomene bei nicht autistischen Erwachsenen andererseits.
Frances Tustin
Frances Tustin wurde 1913 in Darlington geboren und starb am 11. November 1994. Sie arbeitete zunächst als Lehrerin. Über einen Kurs bei Susan Isaacs kam sie 1943 zur Psychoanalyse. Von 1950 bis 1953 ließ sie sich an der Tavistock Clinic zur Kinderpsychotherapeutin ausbilden. Ihre Lehranalyse bei Wilfred Bion dauerte sechzehn Jahre. Zu ihren Supervisoren zählten Esther Bick, Herbert Rosenfeld und Donald Meltzer. 1984 wurde sie Honorary Affiliate der British Psychoanalytical Society.
Zu ihren wichtigsten Büchern gehören Autism and Childhood Psychosis (1972), Autistic States in Children (1981), Autistic Barriers in Neurotic Patients (1986) und The Protective Shell in Children and Adults (1990).
Die Abfolge markiert eine Verschiebung ihres Interesses: vom autistischen Kind zu abgeschotteten psychischen Zuständen bei Kindern und Erwachsenen ohne Autismusdiagnose.
Gegenstände und Formen
Tustin unterschied zwei Phänomene, die sie als Formen elementarer Selbstberuhigung auffasste.
Autistische Gegenstände sind hart und Wahrnehmungsreize. Ein Schlüsselbund, ein Stück Metall oder ein Spielzeugauto wird in die Hand gedrückt, nicht wegen seiner Funktion oder symbolischen Bedeutung, sondern wegen seines Drucks auf die Haut. Entscheidend ist das Gefühl von Festigkeit, Begrenzung und Widerstand. Der einzelne Gegenstand ist dabei austauschbar. Seine materielle Beschaffenheit zählt mehr als seine persönliche Bedeutung.
Autistische Formen sind demgegenüber weich und weniger gegenständlich. Tustin verstand darunter vage, körpernahe Empfindungsgebilde, die ungeordnete Sinneseindrücke bündeln und beruhigen sollen. Sie verortete sie etwa im Umgang mit Speichel, Nahrung im Mund oder anderen weichen Körpermaterialien. Diese Formen erzeugen, in ihrer Beschreibung, ein jederzeit verfügbares Gefühl von Wärme und Umhüllung.
Beide Phänomene sind für Tustin dadurch bestimmt, dass sie kein Gegenüber benötigen. Der Gegenstand antwortet nicht. Die Form verlangt keine Beziehung. Darin liegt ihre stabilisierende Funktion, aber auch ihre Begrenzung: Sie reduzieren Abhängigkeit und schützen vor Überforderung, halten zugleich jedoch Beziehung und affektive Verarbeitung auf Abstand.
EinEinkapselungung
Aus solchen Beobachtungen entwickelte Tustin den Begriff der autistischen Einkapselung oder des autistischen Panzers. Sie beschrieb damit einen körperlich-seelischen Schutzvorgang, der dem psychischen Abwehrmechanismus vorausgeht: einen frühen und verdinglichten Vorläufer von Verdrängung, Verleugnung oder Vergessen.
Gemeint ist ein psychischer Bereich, in dem elementare Ängste nicht symbolisch verarbeitet, sondern abgesperrt bleiben. Dazu rechnete Tustin Ängste vor dem Zerfließen, dem Fallen, dem Verschwinden, dem Nichts oder einer körperlich erlebten Verstümmelung. Der betroffene Bereich wird nicht bearbeitet oder integriert. Er wird abgedichtet.
Bereits 1972 hielt Tustin fest, dass sich solche Einkapselungen auch in der Charakterorganisation vergleichsweise unauffälliger Menschen finden könnten. Als Hinweise nannte sie starre Spaltungen, oberflächliche Identifizierungen und ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis. Sie verband diese Organisation unter anderem mit Phobien, Schlafstörungen, Anorexia nervosa, elektivem Mutismus, psychosomatischen Beschwerden und Lernstörungen.
Ihre Überlegung war, dass eine Lockerung des Panzers erhebliche affektive Instabilität freisetzen könne. Tustin erwähnte in diesem Zusammenhang manisch-depressive Schwankungen. Die Einkapselung erscheint bei ihr daher nicht nur als Einschränkung, sondern auch als Notlösung: Sie hält etwas zusammen, das andernfalls als unregulierbar erlebt wird.
Das „schwarze Loch“
Besonders bekannt wurde Tustins Beschreibung des „schwarzen Lochs“. Sie geht auf einen Jungen zurück, den sie John nannte. Er erlebte die Brustwarze als einen Teil seines eigenen Mundes, der abgebrochen sei und fehle. Der Mund wurde in dieser Fantasie zu einem schwarzen Loch mit einem schmerzhaften oder bedrohlichen Stachel.
Tustin nahm dieses Bild als Ausdruck eines Erlebens, in dem die Trennung vom Körper eines anderen nicht als gewöhnliche Abwesenheit, sondern als körperliche Abtrennung erfahren wird. Hier liegt der unhaltbare Sprung ihrer Theorie: von der klinischen Beschreibung eines einzelnen Kindes zu einer allgemeinen Entwicklungs- und Entstehungstheorie des Autismus.
Tustin hat später selbst eingeräumt, dass ihre Begriffsbildung durch die Tradition ihrer kleinianischen Ausbildung beeinflusst war. Die Kategorien, in denen sie ihre Beobachtungen zunächst deutete, hätten das Vorgefundene nicht angemessen erfassen können.
Die Revision von 1991
1991 veröffentlichte Tustin im International Journal of Psycho-Analysis den Aufsatz „Revised Understandings of Psychogenic Autism“. Darin nahm sie die Annahme einer normalen primären autistischen Phase ausdrücklich zurück.
Die Ergebnisse der Säuglingsbeobachtung widerlegten, so Tustin, eine anfängliche autistische Entwicklungsphase zu postulieren. Entsprechend könne Autismus auch nicht als Fixierung auf eine solche Phase oder als Rückkehr zu ihr verstanden werden. Den Begriff „Autismus“ reservierte sie fortan für „pathologische Zustände“.
Die Revision hatte eine längere Vorgeschichte. Bereits 1986 ersetzte sie die Formulierung „psychogenic autism“ durch „psychobiological autism“. 1992 hielt sie fest, dass keine Form des kindlichen Autismus auf ausschließlich psychogene Ursachen zurückgeführt werden könne. Ihr letzter veröffentlichter Aufsatz von 1994 trägt den Titel „The Perpetuation of an Error“.
Dass eine Autorin zentrale Elemente ihres eigenen Werkes öffentlich zurücknimmt, ist in der psychoanalytischen Ideengeschichte selten. Tustins spätere Position wird jedoch häufig übergangen. Ihr Name steht bis heute oft für eine Auffassung, die sie selbst verworfen hatte.
Warum ihre Autismustheorie überholt ist
Autismus wird heute in ICD-11 und DSM-5-TR als „neurodevelopmentale Störung“ bezeichnet. Die Forschungsergebnisse verweisen auf ein komplexes genetisches und neurobiologisches Ursachengefüge. Einfache psychogene Erklärungen gelten als nicht haltbar.
Die große schwedische Familien- und Zwillingsstudie von Sandin und Kollegen aus dem Jahr 2017 analysierte 37.570 Zwillingspaare sowie 2.642.064 Geschwisterpaare mit insgesamt 14.516 Autismusdiagnosen. Sie schätzte die Erblichkeit auf etwa 83 Prozent. Umweltfaktoren, die bei den Geschwistern unterschiedlich waren, erklärten rund 17 Prozent der Varianz. Für übereinstimmende Umweltfaktoren ergab sich dabei praktisch keine relevante Auswirkung.
Damit ist ziemlich der gesamten Familie psychogener Autismustheorien der Boden entzogen, besonders Vorstellungen, Autismus gehe aus emotionaler Kälte, mangelnder Bindung oder einer schädigenden Eltern-Kind-Beziehung hervor. Die Figur der „Kühlschrankmutter“, die auf frühe Fehlinterpretationen bei Kanner zurückgeht und von Bruno Bettelheim popularisiert wurde, ist wissenschaftlich und ethisch diskreditiert.
Dianna Kenny hat Tustin 2019 in SAGE Open grundlegend kritisiert. Sie liest Tustins Werk als Beispiel für eine psychoanalytische Theoriebildung, die Befunde aus Säuglings- und Autismusforschung nicht ausreichend aufgenommen habe. Ihre Kritik richtet sich auch gegen das institutionelle und theoretische Gruppendenken im Umfeld von Klein, Bick und Tustin.
Tustin und die Schuldfrage
Tustin vertrat eine falsche Theorie der Autismusentstehung, beschuldigte Eltern jedoch nicht in der Weise, die ihr später gelegentlich zugeschrieben wurde.
Sie bezeichnete die Ideen von Kanner und Bettelheim als grausam und irrig. Ausdrücklich hielt sie fest, Autismus sei niemandes Schuld. Die meisten autistischen Kinder hätten, so Tustin, weder emotionale Kälte noch Vernachlässigung oder Gewalt durch ihre Eltern erfahren.
Das entlastet ihre Theorie nicht, unterscheidet sie aber von einer direkten Pathologisierung oder moralischen Anklage der Eltern. Ihre Position war falsch, ohne deshalb auf der Behauptung zu beruhen, Eltern seien an Autismus schuld.
Theoretischer Zusammenhang
Tustins Begriffe stehen in einem psychoanalytischen Umfeld, das sich mit der Entstehung psychischer Grenzen beschäftigt: mit der Frage, wie Innen und Außen, Selbst und Objekt, Körper und Beziehung vor der sprachlichen Symbolisierung organisiert werden.
Autor | Begriff | Zentraler Gedanke |
|---|---|---|
Esther Bick | Zweite Haut | Die Haut fungiert als erster psychischer Behälter. Wo ein haltendes Gegenüber fehlt, können Muskelspannung, Dauerbewegung oder Dauerreden eine Ersatzhülle bilden. |
Donald Meltzer | Klebende Identifizierung | Das Subjekt haftet an der Oberfläche des anderen, ohne einen psychischen Zwischenraum auszubilden. |
Thomas H. Ogden | Autistisch-kontigüe Position | Eine Erlebnisweise, in der Berührung, Oberfläche, Rhythmus und sensorische Nähe die Erfahrung organisieren. |
Didier Anzieu | Haut-Ich | Die Haut wird als Modell einer psychischen Hülle und Grenze verstanden. |
Wilfred Bion | Container-Contained | Unverdauliche Erfahrung kann durch die aufnehmende und verarbeitende Funktion eines Gegenübers psychisch denkbar werden. |
Diese Konzepte sind historisch und theoretisch miteinander verbunden, aber nicht identisch. Sie sollten weder zu einer einheitlichen Autismustheorie verschmolzen noch als diagnostische Kategorien verwendet werden.
Erwachsene Patienten ohne Autismus
Der engere klinische Kontext von Tustins Buch ist Sydney Kleins Aufsatz „Autistic Phenomena in Neurotic Patients“ von 1980. Klein beschrieb Patienten, deren Analyse äußerlich geordnet und produktiv wirken kann, während das Erleben in entscheidenden Bereichen dünn, formelhaft oder unberührt bleibt. Es wird reflektiert, verstanden und interpretiert. Dennoch verändert sich etwas Wesentliches nicht.
Judith Mitrani beschrieb 1992 die Überlebensfunktion „autistischer Manöver“ bei erwachsenen Patienten. Gemeint sind Verhaltensweisen, die zunächst wie Widerstand erscheinen können, tatsächlich aber eine stabilisierende Funktion haben: ein starres Einstiegsritual in die Sitzung, eine gleichbleibende Sprechweise, ein Gegenstand in der Hand, ein monotoner Tonfall oder eine wiederkehrende körperliche Handlung.
Solche Praktiken müssen nicht als bewusste Vermeidung verstanden werden. Sie können eine fragile psychische Organisation stützen, indem sie verhindern, dass unregulierte Affekte, Trennungsangst oder Desintegrationserleben übermächtig werden. Aus dieser Perspektive ist die Frage nicht nur, wie ein Verhalten therapeutisch verändert werden kann, sondern auch, welche Funktion es bisher erfüllt.
Der Frances Tustin Memorial Trust spricht in diesem Zusammenhang von autistischen Enklaven bei Kindern und Erwachsenen. „Enklave“ ist als Bild präziser als „Einkapselung“: Gemeint ist ein abgegrenzter Bereich mit einer eigenen Logik innerhalb einer ansonsten anders organisierten Persönlichkeit.
Keine Aussage über Autismus
Die problematische Wirkung dieser Begriffstradition beginnt dort, wo ihre Sprache diagnostisch missverstanden wird. Was Tustin, Klein und Mitrani bei erwachsenen neurotischen Patienten beschrieben, ist nicht Autismus, kein „milder Autismus“ und kein verborgenes Autismusspektrum.
Es handelt sich um psychoanalytische Beschreibungen von Rückzug, Selbststabilisierung und schwer erreichbaren psychischen Funktionsbereichen bei Menschen mit anderen klinischen Konstellationen. Die Verwendung des Wortes „autistisch“ ist historisch bedingt und aus heutiger Sicht irreführend. Sie stammt aus einer Epoche, in der Autismus teilweise als erworbener Zustand verstanden wurde.
Wer heute von einer „autistischen Einkapselung“ bei einem nicht autistischen Erwachsenen spricht, sollte daher präzisieren: Gemeint ist eine bestimmte klinische Beschreibung, nicht eine Aussage über Autismus. Umgekehrt sind Tustins Begriffe kein geeignetes Instrument zur Deutung autistischer Menschen. Stimming, Rückzug, repetitive Handlungen und sensorische Selbstregulation autistischer Menschen sind nicht ohne Weiteres als „Einkapselung“, „Abwehr“ oder „Beziehungsflucht“ zu lesen. Sie stehen in Zusammenhang mit einer spezifischen Reizverarbeitung und können regulierende, kommunikative oder funktionale Bedeutungen haben.
Was von Tustin bleibt
Drei Aspekte ihres Werkes bleiben lesenswert, auch wenn ihre Ätiologie des Autismus klar zurückgewiesen wird.
· Die Beschreibung der sensorischen Funktion harter Gegenstände. Ein Gegenstand in der Faust, Druck auf der Haut oder eine bestimmte Oberfläche kann als konkrete Form von Selbststabilisierung wirken, ohne dass dies unmittelbar symbolisch oder biografisch interpretiert werden muss.
· Die Beobachtung, dass eine Therapie korrekt, ruhig und verständnisorientiert verlaufen kann, ohne bestimmte psychische Bereiche zu erreichen. Ein konfliktarmer Prozess ist nicht zwangsläufig ein produktiver. Glätte kann auch auf Abschottung hinweisen.
· Die öffentliche Selbstkorrektur. Tustin revidierte zentrale Annahmen, als empirische Befunde ihnen widersprachen. Ihr letzter Aufsatz über die Fortdauer eines Irrtums ist deshalb auch ein seltenes Dokument intellektueller Redlichkeit innerhalb der psychoanalytischen Tradition.
Das Wichtigste
• Frances Tustin beschrieb bei nicht autistischen Kindern und Erwachsenen einkapselnde Rückzugs- und Selbsthaltefunktionen, insbesondere in Autistic Barriers in Neurotic Patients von 1986 und The Protective Shell in Children and Adults von 1990.
• Ihre Begriffe umfassen harte „autistische Gegenstände“, weiche „autistische Formen“ und die Einkapselung als körperlich-seelischen Schutzvorgang.
• Tustin betrachtete solche abgegrenzten Bereiche nicht einfach als Abwehr, sondern als elementare Organisation gegen psychische Überforderung und Desintegration.
• Ihre Theorie eines psychogen verursachten Autismus ist widerlegt. Tustin revidierte wesentliche Teile ihrer eigenen Annahmen ab 1986 und zog 1991 die Hypothese einer normalen primären autistischen Phase ausdrücklich zurück.
• Autismus ist eine neurodevelopmentale Bedingung mit einer komplexen, überwiegend genetisch und neurobiologisch bestimmten Ätiologie. Psychogene Erklärungen und Elternschuldtheorien sind wissenschaftlich nicht haltbar.
• Tustin selbst lehnte die Schuldzuweisung an Eltern entschieden ab und bezeichnete entsprechende Theorien als grausam und irrig.
• Die bei nichtautistischen Erwachsenen beschriebenen Rückzugsphänomene dürfen nicht mit Autismus verwechselt werden. Sie sind weder diagnostischer Hinweis auf ein Autismus-Spektrum noch ein Modell zur Erklärung autistischen Erlebens.
Quellen
· Melanie Klein Trust, Eintrag „Frances Tustin" (Maria Rhode, 2017): https://melanie-klein-trust.org.uk/writers/frances-tustin/
· Frances Tustin Memorial Trust, About Frances Tustin: https://www.frances-tustin-autism.org/about-frances-tustin/
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· Klein, S.: Autistic Phenomena in Neurotic Patients, International Journal of Psycho-Analysis 61 (1980), 395–401
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· Mitrani, J. L., Mitrani, T. (Hg.): Frances Tustin Today, Routledge 2015
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