Masochismus: Bedeutung, Freud und der moralische Masochismus
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Masochismus
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DESCRIPTION: Freud beschrieb 1924 drei Formen des Masochismus. Die wichtigste braucht keine Sexualität: den moralischen Masochismus, für den das Leiden selbst das Ziel ist. Was der Begriff erklärt und warum die Psychiatrie ihn fallen ließ.
Masochismus: Warum wir das Leiden brauchen
Masochismus gilt heute als Vorliebe für Schmerz im Bett oder als Etikett für Menschen, die sich ausnutzen lassen. Freud meinte 1924 etwas anderes: den moralischen Masochismus, bei dem das Leiden selbst das Ziel ist, ohne jede Erotik und ohne einen Peiniger. Dieser Text folgt dem Begriff von Krafft-Ebing über Freud und Reik bis zum Verschwinden aus den psychiatrischen Handbüchern und fragt, warum er in einer Leistungsgesellschaft aktueller wirkt als je zuvor.
Ein Wort aus der Sexualpathologie
Den Namen schuf der Psychiater Richard von Krafft-Ebing 1886 in der Psychopathia sexualis. Er benannte die Neigung nach dem Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, dessen Novelle Venus im Pelz (1870) einen Mann zeigt, der sich einer Frau vertraglich unterwirft. Der Begriff stammt also aus der Sexualpathologie des 19. Jahrhunderts und trug von Beginn an die Verurteilung als Krankhaftigkeit in sich.
Freud übernahm das Wort und erweiterte es. In den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) ist der Masochismus eine Variante der Sexualität neben dem Sadismus. Erst 1924 macht er daraus einen Begriff seiner gesamten Theorie.
Welche Formen von Masochismus gibt es? Freud 1924
In Das ökonomische Problem des Masochismus unterscheidet Freud den erogenen, den femininen und den moralischen Masochismus. Der erogene Masochismus, die Schmerzlust, liegt für ihn den beiden anderen Formen zugrunde und ist biologisch und konstitutionell begründet. Der feminine Masochismus umfasst nach Freud Fantasien, geknebelt, gebunden, geschlagen, beschmutzt oder erniedrigt zu werden. Freud beschreibt sie am Mann, auf den er sich „aus Gründen des Materials“ beschränkt, und deutet sie als Wunsch, wie ein kleines, hilfloses Kind behandelt zu werden. (Die Bindung an ein „feminines Wesen“ hält die heutige Forschung nicht mehr.)
Die dritte Form nennt Freud eine „Norm des Lebensverhaltens“. Ihr gilt der Rest dieses Textes.
Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt
Der moralische Masochismus hat nach Freud seine Beziehung zur Sexualität gelockert. Beim erotischen Masochismus kommt der Schmerz von einer geliebten Person und wird auf deren Geheiß erduldet. Diese Bedingung fällt beim moralischen Masochismus weg. Freud schreibt: „Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt; ob es von einer geliebten oder gleichgültigen Person verhängt wird, spielt keine Rolle; es mag auch von unpersönlichen Mächten oder Verhältnissen verursacht sein, der richtige Masochist hält immer seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu bekommen.“
Den klinischen Beleg liefert Freud aus der Praxis. Er beschreibt Patienten, deren Neurose jedem therapeutischen Bemühen trotzt und verschwindet, wenn sie „in das Elend einer unglücklichen Ehe geraten“ sind, ihr Vermögen verlieren oder eine bedrohliche Krankheit bekommen. Eine Form des Leidens ist dann durch eine andere abgelöst worden. Freud folgert: „… es kam nur darauf an, ein gewisses Maß von Leiden festhalten zu können.“ Die Neurose hielt einen Vorrat an Leiden bereit, und das Unglück löste ihn ab.
Vom Schuldgefühl zum Strafbedürfnis
Freud erklärt dieses Verhalten mit einem unbewussten Schuldgefühl. Seine Patienten wissen davon nichts, sie spüren keine Gewissensbisse und bestreiten die Schuld. Deshalb verzichtet Freud auf das Wort und sagt „Strafbedürfnis“. Gemeint ist ein Bedürfnis, bestraft zu werden, das sich in Misserfolg, Selbstschädigung und Unglück zeigt, ohne dass der Betroffene eine Schuld empfindet.
Dahinter steht das Über-Ich. Es ist nach Freud der Erbe des Ödipuskomplexes und behält die Strenge der introjizierten Eltern. Beim moralischen Masochismus sucht das Ich selbst die Strafe, vom Über-Ich oder von den Elternmächten draußen. Freud nennt es eine Ergänzung: Der Sadismus des Über-Ichs und der Masochismus des Ichs „ergänzen einander und vereinigen sich zur Hervorrufung derselben Folgen“.
Als letzte Gestalt in der Reihe der Elternfiguren führt Freud das Schicksal an. Wer Strafe vom Schicksal verlangt, muss laut Freud das Unzweckmäßige tun, gegen den eigenen Vorteil arbeiten, sich Aussichten verbauen und im Äußersten die eigene Existenz vernichten. Wo ein Mensch bei jeder Gelegenheit sein Glück verspielt und von Pech spricht, sieht die psychoanalytische Deutung im Schicksal den Ersatz für die strafende Elternfigur.
Warum das Gewissen mit dem Verzicht wächst
Freuds überraschendster Gedanke betrifft das Verhältnis von Moral und Aggression. Man erwartet, dass der Mensch, der Aggressionen gegen andere meidet, ein gutes Gewissen hat. Freud kehrt die Reihenfolge um: Der erste Triebverzicht wird von außen erzwungen und erst er schafft die Sittlichkeit, die weiteren Triebverzicht fordert. Das Gewissen wird deshalb „um so strenger und empfindlicher“, je mehr der Mensch sich der Aggression gegen andere enthält. Die Aggression kehrt sich gegen das eigene Ich.
Der moralische Masochismus wird so für Freud zum „klassischen Zeugen“ der Triebvermischung, des Zusammenwirkens von Lebens- und Todestrieb. Wer Freuds Lehre vom Todestrieb nicht teilt, kann die Beobachtung davon lösen. Sie bleibt als Beschreibung stehen: Eine Kultur, die Gewalt nach außen verbietet, steigert die Gewalt, die ein Mensch gegen sich selbst richtet.
Freud verlegt damit die Moral zurück in die Sexualität. Das Gewissen entstand durch die Desexualisierung des Ödipuskomplexes. Der moralische Masochismus sexualisiert es wieder und belebt den Ödipuskomplex neu. Das geschieht laut Freud „weder zum Vorteil der Moral noch des Individuums“.
Reik: Sieg durch Niederlage
Der Psychoanalytiker Theodor Reik verschiebt den Akzent in Aus Leiden Freuden (1940, englisch Masochism in Modern Man, 1941). Bei Reik dient das Leiden einem Gewinn: Wer erniedrigt wird, hofft darauf, dass die Erniedrigung ihm später recht gibt. Reik nennt das den Sieg durch Niederlage. Nach Johannes Vorlaufer, der Reik für die Sozialarbeit erschließt, folgt der Gedankengang vier Schritten. Eine Kränkung geschieht. Die Fantasie macht das Unrecht zum Beleg des verkannten Werts. Eine spätere Rehabilitation wird erwartet, in der gerade die Verächter die Qualitäten des Gekränkten erkennen. Und das Leiden selbst bereitet diesen Triumph vor.
Damit erklärt Reik, was Freud offenlässt: Wie wird aus Strafe ein Wert? Das Leiden erhält die Funktion eines Wechsels auf eine spätere Anerkennung. Bewusst muss davon nichts sein. Der Leidende erlebt Verbitterung, Scham und Verzweiflung. Die Befriedigung liegt im Gefühl moralischer Überlegenheit und in der Erwartung des Triumphs. Mit der Zeit rückt das Leiden selbst in die Mitte, und der Triumph bleibt eine ferne Andeutung.
Die Leistungsgesellschaft als Bühne des Leidens
Der moralische Masochismus beschreibt eine Haltung, die moderne Arbeitsgesellschaften belohnen. Sie verlangt Verzicht, Selbstdisziplin und Dauerleistung und verbietet offene Aggression. Nach Freuds Logik erzeugt gerade diese Konstellation ein strenges inneres Gericht. Byung-Chul Han hat die Folge in der Müdigkeitsgesellschaft (2010) als Selbstausbeutung beschrieben: Der Antreiber sitzt im Inneren, und das Opfer ist zugleich der Täter.
Eine Studie aus der Konsumforschung stützt die Beobachtung. Silvia Bellezza, Neeru Paharia und Anat Keinan haben 2017 im Journal of Consumer Research untersucht, wann Beschäftigtsein und Mangel an Freizeit zum Statussymbol werden. Menschen mit vollem Kalender gelten dort als kompetent, ehrgeizig und auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Die Autoren vergleichen Nordamerika und Europa und zeigen, dass der Effekt von der Kultur abhängt. Der volle Kalender gilt in der ersteren Kultur stärker als Statussymbol als in der letztereb.
Wer „keine Zeit“ sagt, den Schlafmangel als Opfer vorführt und Erschöpfung als Auszeichnung vorzeigt, liefert einen Beleg im Sinne Reiks. Das Leiden bezeugt den Wert. Die Ratgeberliteratur liest solches Verhalten als Problem des Zeitmanagements. Die psychoanalytische Deutung liest es als Befriedigung eines Strafbedürfnisses, das seine Forderung in den Kalender eingetragen hat. Wie die Wellnessindustrie den Verschleiß verwertet, steht im Text über den stillen Burnout.
Die Psychiatrie und der verschwundene Gegenstand
Die Psychiatrie hat den moralischen Masochismus nie als eigenen Gegenstand geführt. Für das DSM-III-R (1987) wurde eine „masochistische Persönlichkeitsstörung“ vorgeschlagen und unter dem Namen „selbstschädigende Persönlichkeitsstörung“ in den Anhang der Kategorien aufgenommen, die weiterer Prüfung bedurften. Gemeint war ein Muster, das Menschen in enttäuschende Situationen führt, Hilfe zurückweist, auf Erfolg mit Schuld oder Depression antwortet und sich aufopfert, ohne dass jemand es verlangt. Fünf von acht Merkmalen sollten genügen.
Der Widerstand kam schnell, vor allem von Frauen. Die Psychologin Paula Caplan argumentierte in The Myth of Women’s Masochism (1985), dass solche Kategorien weibliche Anpassung und die Folgen von Gewalt zur Persönlichkeitsstörung erklären. Judith Herman zeigte in Trauma and Recovery (1992), dass das Verhalten misshandelter Menschen als Überlebensstrategie verständlich ist und keine Persönlichkeitsstörung darstellt. Die Diagnose überschnitt sich zudem mit Borderline-, vermeidender und dependenter Persönlichkeitsstörung. Im DSM-IV (1994) fehlt sie. Die Psychiatrie hat damit eine schlechte Kategorie entfernt und den Gegenstand gleich mit: Die Frage, warum Menschen am eigenen Leiden festhalten, steht in keinem Manual mehr.
Ist Masochismus eine Krankheit?
Den zweiten Strang bildet der Abschied von der Pathologisierung des erotischen Masochismus. Das DSM-5 unterscheidet zwischen der Paraphilie und der paraphilen Störung und diagnostiziert die Störung nur bei Leidensdruck oder Beeinträchtigung. Die ICD-11 führt einvernehmlichen Sadomasochismus und BDSM nicht mehr als Störung. Beides ist richtig. Wer einvernehmlich Schmerz sucht, verdient keine Diagnose.
Mit dieser Korrektur ist der Begriff aber zur Vorliebe geschrumpft. Der Alltagsgebrauch kennt nur noch den Masochismus im Schlafzimmer, und der moralische Masochismus, der keinen Vertrag, keinen Partner und keine Erotik braucht, fällt aus dem Wortfeld heraus. Er findet im Büro, in der Familie und im Kalender statt. Die psychoanalytische Beschreibung bleibt ohne Gegenstück in der Gegenwart.
Wo die Deutung endet
Leiden beweist keinen Masochismus. Wer Unrecht erträgt, sich aufopfert oder im Leiden Sinn findet, handelt nicht automatisch aus einem Strafbedürfnis. Die Deutung braucht den Einzelfall und die Frage, welche Funktion das Leiden in der psychischen Dynamik hat. Ebenso falsch wäre es, die unbewusste Befriedigung mit einer bewussten Absicht gleichzusetzen. Für erlittene Gewalt sind die Täter verantwortlich. Reiks Fantasie vom Triumph liefert keinen Anlass, Leidenden Manipulation oder verstecktes Machtstreben zu unterstellen. Der moralische Masochismus bezeichnet eine Bindung an das eigene Leiden.
Das Wichtigste in Kürze
• Der Begriff Masochismus stammt von Krafft-Ebing (1886) und wurde nach Leopold von Sacher-Masoch benannt.
• Freud unterscheidet 1924 den erogenen, den femininen und den moralischen Masochismus. Beim moralischen Masochismus gilt: „Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt.“
• Er beruht auf einem unbewussten Schuldgefühl, das Freud Strafbedürfnis nennt. Der Sadismus des Über-Ichs und der Masochismus des Ichs ergänzen einander.
• Das Gewissen wird strenger, je mehr ein Mensch Aggression gegen andere meidet. Die Aggression wendet sich nach innen.
• Reik ergänzt den Sieg durch Niederlage: Das Leiden stützt die Hoffnung auf spätere Anerkennung.
• Die Leistungsgesellschaft belohnt Erschöpfung als Zeichen von Wert und trifft dort auf diese Dynamik.
• Die Psychiatrie hat die selbstschädigende Persönlichkeitsstörung (DSM-III-R, 1987) wieder gestrichen. Dass einvernehmlicher Masochismus keine Krankheit ist, stimmt. Der moralische Masochismus geriet dabei aus dem Blick.
Quellen
· Freud, S. (1924): Das ökonomische Problem des Masochismus. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 10, 121–133. Textfassung: textlog.de
· Freud, S. (1905): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
· Krafft-Ebing, R. von (1886): Psychopathia sexualis.
· Reik, T. (1940): Aus Leiden Freuden; engl. Masochism in Modern Man (1941). Zitiert nach Vorlaufer (2013).
· Vorlaufer, J. (2013): Voreilender Gehorsam. Über ein Moment des sozialen Masochismus und die Auf-Gabe der Sozialen Arbeit. soziales-kapital.at
· Han, B.-C. (2010): Müdigkeitsgesellschaft.
· Bellezza, S., Paharia, N. & Keinan, A. (2017): Conspicuous Consumption of Time: When Busyness and Lack of Leisure Time Become a Status Symbol. Journal of Consumer Research, 44(1), 118–138.
· Caplan, P. J. (1985): The Myth of Women’s Masochism. New York: Dutton.
· Herman, J. L. (1992): Trauma and Recovery. New York: Basic Books.
· Fuller, A. K. (2011): Masochistic Personality Disorder: A Diagnosis Under Consideration. Jefferson Journal of Psychiatry, 4(2).
· Huprich, S. K., Zimmerman, M. A. & Chelminski, I. (2006): Should Self-Defeating Personality Disorder be revisited in the DSM? Journal of Personality Disorders, 20(4), 388–400.
· American Psychiatric Association (1987): DSM-III-R, Anhang A. Dazu (1994): DSM-IV.
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DESCRIPTION: Freud beschrieb 1924 drei Formen des Masochismus. Die wichtigste braucht keine Sexualität: den moralischen Masochismus, für den das Leiden selbst das Ziel ist. Was der Begriff erklärt und warum die Psychiatrie ihn fallen ließ.
Masochismus: Warum wir das Leiden brauchen
Masochismus gilt heute als Vorliebe für Schmerz im Bett oder als Etikett für Menschen, die sich ausnutzen lassen. Freud meinte 1924 etwas anderes: den moralischen Masochismus, bei dem das Leiden selbst das Ziel ist, ohne jede Erotik und ohne einen Peiniger. Dieser Text folgt dem Begriff von Krafft-Ebing über Freud und Reik bis zum Verschwinden aus den psychiatrischen Handbüchern und fragt, warum er in einer Leistungsgesellschaft aktueller wirkt als je zuvor.
Ein Wort aus der Sexualpathologie
Den Namen schuf der Psychiater Richard von Krafft-Ebing 1886 in der Psychopathia sexualis. Er benannte die Neigung nach dem Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, dessen Novelle Venus im Pelz (1870) einen Mann zeigt, der sich einer Frau vertraglich unterwirft. Der Begriff stammt also aus der Sexualpathologie des 19. Jahrhunderts und trug von Beginn an die Verurteilung als Krankhaftigkeit in sich.
Freud übernahm das Wort und erweiterte es. In den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) ist der Masochismus eine Variante der Sexualität neben dem Sadismus. Erst 1924 macht er daraus einen Begriff seiner gesamten Theorie.
Welche Formen von Masochismus gibt es? Freud 1924
In Das ökonomische Problem des Masochismus unterscheidet Freud den erogenen, den femininen und den moralischen Masochismus. Der erogene Masochismus, die Schmerzlust, liegt für ihn den beiden anderen Formen zugrunde und ist biologisch und konstitutionell begründet. Der feminine Masochismus umfasst nach Freud Fantasien, geknebelt, gebunden, geschlagen, beschmutzt oder erniedrigt zu werden. Freud beschreibt sie am Mann, auf den er sich „aus Gründen des Materials“ beschränkt, und deutet sie als Wunsch, wie ein kleines, hilfloses Kind behandelt zu werden. (Die Bindung an ein „feminines Wesen“ hält die heutige Forschung nicht mehr.)
Die dritte Form nennt Freud eine „Norm des Lebensverhaltens“. Ihr gilt der Rest dieses Textes.
Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt
Der moralische Masochismus hat nach Freud seine Beziehung zur Sexualität gelockert. Beim erotischen Masochismus kommt der Schmerz von einer geliebten Person und wird auf deren Geheiß erduldet. Diese Bedingung fällt beim moralischen Masochismus weg. Freud schreibt: „Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt; ob es von einer geliebten oder gleichgültigen Person verhängt wird, spielt keine Rolle; es mag auch von unpersönlichen Mächten oder Verhältnissen verursacht sein, der richtige Masochist hält immer seine Wange hin, wo er Aussicht hat, einen Schlag zu bekommen.“
Den klinischen Beleg liefert Freud aus der Praxis. Er beschreibt Patienten, deren Neurose jedem therapeutischen Bemühen trotzt und verschwindet, wenn sie „in das Elend einer unglücklichen Ehe geraten“ sind, ihr Vermögen verlieren oder eine bedrohliche Krankheit bekommen. Eine Form des Leidens ist dann durch eine andere abgelöst worden. Freud folgert: „… es kam nur darauf an, ein gewisses Maß von Leiden festhalten zu können.“ Die Neurose hielt einen Vorrat an Leiden bereit, und das Unglück löste ihn ab.
Vom Schuldgefühl zum Strafbedürfnis
Freud erklärt dieses Verhalten mit einem unbewussten Schuldgefühl. Seine Patienten wissen davon nichts, sie spüren keine Gewissensbisse und bestreiten die Schuld. Deshalb verzichtet Freud auf das Wort und sagt „Strafbedürfnis“. Gemeint ist ein Bedürfnis, bestraft zu werden, das sich in Misserfolg, Selbstschädigung und Unglück zeigt, ohne dass der Betroffene eine Schuld empfindet.
Dahinter steht das Über-Ich. Es ist nach Freud der Erbe des Ödipuskomplexes und behält die Strenge der introjizierten Eltern. Beim moralischen Masochismus sucht das Ich selbst die Strafe, vom Über-Ich oder von den Elternmächten draußen. Freud nennt es eine Ergänzung: Der Sadismus des Über-Ichs und der Masochismus des Ichs „ergänzen einander und vereinigen sich zur Hervorrufung derselben Folgen“.
Als letzte Gestalt in der Reihe der Elternfiguren führt Freud das Schicksal an. Wer Strafe vom Schicksal verlangt, muss laut Freud das Unzweckmäßige tun, gegen den eigenen Vorteil arbeiten, sich Aussichten verbauen und im Äußersten die eigene Existenz vernichten. Wo ein Mensch bei jeder Gelegenheit sein Glück verspielt und von Pech spricht, sieht die psychoanalytische Deutung im Schicksal den Ersatz für die strafende Elternfigur.
Warum das Gewissen mit dem Verzicht wächst
Freuds überraschendster Gedanke betrifft das Verhältnis von Moral und Aggression. Man erwartet, dass der Mensch, der Aggressionen gegen andere meidet, ein gutes Gewissen hat. Freud kehrt die Reihenfolge um: Der erste Triebverzicht wird von außen erzwungen und erst er schafft die Sittlichkeit, die weiteren Triebverzicht fordert. Das Gewissen wird deshalb „um so strenger und empfindlicher“, je mehr der Mensch sich der Aggression gegen andere enthält. Die Aggression kehrt sich gegen das eigene Ich.
Der moralische Masochismus wird so für Freud zum „klassischen Zeugen“ der Triebvermischung, des Zusammenwirkens von Lebens- und Todestrieb. Wer Freuds Lehre vom Todestrieb nicht teilt, kann die Beobachtung davon lösen. Sie bleibt als Beschreibung stehen: Eine Kultur, die Gewalt nach außen verbietet, steigert die Gewalt, die ein Mensch gegen sich selbst richtet.
Freud verlegt damit die Moral zurück in die Sexualität. Das Gewissen entstand durch die Desexualisierung des Ödipuskomplexes. Der moralische Masochismus sexualisiert es wieder und belebt den Ödipuskomplex neu. Das geschieht laut Freud „weder zum Vorteil der Moral noch des Individuums“.
Reik: Sieg durch Niederlage
Der Psychoanalytiker Theodor Reik verschiebt den Akzent in Aus Leiden Freuden (1940, englisch Masochism in Modern Man, 1941). Bei Reik dient das Leiden einem Gewinn: Wer erniedrigt wird, hofft darauf, dass die Erniedrigung ihm später recht gibt. Reik nennt das den Sieg durch Niederlage. Nach Johannes Vorlaufer, der Reik für die Sozialarbeit erschließt, folgt der Gedankengang vier Schritten. Eine Kränkung geschieht. Die Fantasie macht das Unrecht zum Beleg des verkannten Werts. Eine spätere Rehabilitation wird erwartet, in der gerade die Verächter die Qualitäten des Gekränkten erkennen. Und das Leiden selbst bereitet diesen Triumph vor.
Damit erklärt Reik, was Freud offenlässt: Wie wird aus Strafe ein Wert? Das Leiden erhält die Funktion eines Wechsels auf eine spätere Anerkennung. Bewusst muss davon nichts sein. Der Leidende erlebt Verbitterung, Scham und Verzweiflung. Die Befriedigung liegt im Gefühl moralischer Überlegenheit und in der Erwartung des Triumphs. Mit der Zeit rückt das Leiden selbst in die Mitte, und der Triumph bleibt eine ferne Andeutung.
Die Leistungsgesellschaft als Bühne des Leidens
Der moralische Masochismus beschreibt eine Haltung, die moderne Arbeitsgesellschaften belohnen. Sie verlangt Verzicht, Selbstdisziplin und Dauerleistung und verbietet offene Aggression. Nach Freuds Logik erzeugt gerade diese Konstellation ein strenges inneres Gericht. Byung-Chul Han hat die Folge in der Müdigkeitsgesellschaft (2010) als Selbstausbeutung beschrieben: Der Antreiber sitzt im Inneren, und das Opfer ist zugleich der Täter.
Eine Studie aus der Konsumforschung stützt die Beobachtung. Silvia Bellezza, Neeru Paharia und Anat Keinan haben 2017 im Journal of Consumer Research untersucht, wann Beschäftigtsein und Mangel an Freizeit zum Statussymbol werden. Menschen mit vollem Kalender gelten dort als kompetent, ehrgeizig und auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Die Autoren vergleichen Nordamerika und Europa und zeigen, dass der Effekt von der Kultur abhängt. Der volle Kalender gilt in der ersteren Kultur stärker als Statussymbol als in der letztereb.
Wer „keine Zeit“ sagt, den Schlafmangel als Opfer vorführt und Erschöpfung als Auszeichnung vorzeigt, liefert einen Beleg im Sinne Reiks. Das Leiden bezeugt den Wert. Die Ratgeberliteratur liest solches Verhalten als Problem des Zeitmanagements. Die psychoanalytische Deutung liest es als Befriedigung eines Strafbedürfnisses, das seine Forderung in den Kalender eingetragen hat. Wie die Wellnessindustrie den Verschleiß verwertet, steht im Text über den stillen Burnout.
Die Psychiatrie und der verschwundene Gegenstand
Die Psychiatrie hat den moralischen Masochismus nie als eigenen Gegenstand geführt. Für das DSM-III-R (1987) wurde eine „masochistische Persönlichkeitsstörung“ vorgeschlagen und unter dem Namen „selbstschädigende Persönlichkeitsstörung“ in den Anhang der Kategorien aufgenommen, die weiterer Prüfung bedurften. Gemeint war ein Muster, das Menschen in enttäuschende Situationen führt, Hilfe zurückweist, auf Erfolg mit Schuld oder Depression antwortet und sich aufopfert, ohne dass jemand es verlangt. Fünf von acht Merkmalen sollten genügen.
Der Widerstand kam schnell, vor allem von Frauen. Die Psychologin Paula Caplan argumentierte in The Myth of Women’s Masochism (1985), dass solche Kategorien weibliche Anpassung und die Folgen von Gewalt zur Persönlichkeitsstörung erklären. Judith Herman zeigte in Trauma and Recovery (1992), dass das Verhalten misshandelter Menschen als Überlebensstrategie verständlich ist und keine Persönlichkeitsstörung darstellt. Die Diagnose überschnitt sich zudem mit Borderline-, vermeidender und dependenter Persönlichkeitsstörung. Im DSM-IV (1994) fehlt sie. Die Psychiatrie hat damit eine schlechte Kategorie entfernt und den Gegenstand gleich mit: Die Frage, warum Menschen am eigenen Leiden festhalten, steht in keinem Manual mehr.
Ist Masochismus eine Krankheit?
Den zweiten Strang bildet der Abschied von der Pathologisierung des erotischen Masochismus. Das DSM-5 unterscheidet zwischen der Paraphilie und der paraphilen Störung und diagnostiziert die Störung nur bei Leidensdruck oder Beeinträchtigung. Die ICD-11 führt einvernehmlichen Sadomasochismus und BDSM nicht mehr als Störung. Beides ist richtig. Wer einvernehmlich Schmerz sucht, verdient keine Diagnose.
Mit dieser Korrektur ist der Begriff aber zur Vorliebe geschrumpft. Der Alltagsgebrauch kennt nur noch den Masochismus im Schlafzimmer, und der moralische Masochismus, der keinen Vertrag, keinen Partner und keine Erotik braucht, fällt aus dem Wortfeld heraus. Er findet im Büro, in der Familie und im Kalender statt. Die psychoanalytische Beschreibung bleibt ohne Gegenstück in der Gegenwart.
Wo die Deutung endet
Leiden beweist keinen Masochismus. Wer Unrecht erträgt, sich aufopfert oder im Leiden Sinn findet, handelt nicht automatisch aus einem Strafbedürfnis. Die Deutung braucht den Einzelfall und die Frage, welche Funktion das Leiden in der psychischen Dynamik hat. Ebenso falsch wäre es, die unbewusste Befriedigung mit einer bewussten Absicht gleichzusetzen. Für erlittene Gewalt sind die Täter verantwortlich. Reiks Fantasie vom Triumph liefert keinen Anlass, Leidenden Manipulation oder verstecktes Machtstreben zu unterstellen. Der moralische Masochismus bezeichnet eine Bindung an das eigene Leiden.
Das Wichtigste in Kürze
• Der Begriff Masochismus stammt von Krafft-Ebing (1886) und wurde nach Leopold von Sacher-Masoch benannt.
• Freud unterscheidet 1924 den erogenen, den femininen und den moralischen Masochismus. Beim moralischen Masochismus gilt: „Das Leiden selbst ist das, worauf es ankommt.“
• Er beruht auf einem unbewussten Schuldgefühl, das Freud Strafbedürfnis nennt. Der Sadismus des Über-Ichs und der Masochismus des Ichs ergänzen einander.
• Das Gewissen wird strenger, je mehr ein Mensch Aggression gegen andere meidet. Die Aggression wendet sich nach innen.
• Reik ergänzt den Sieg durch Niederlage: Das Leiden stützt die Hoffnung auf spätere Anerkennung.
• Die Leistungsgesellschaft belohnt Erschöpfung als Zeichen von Wert und trifft dort auf diese Dynamik.
• Die Psychiatrie hat die selbstschädigende Persönlichkeitsstörung (DSM-III-R, 1987) wieder gestrichen. Dass einvernehmlicher Masochismus keine Krankheit ist, stimmt. Der moralische Masochismus geriet dabei aus dem Blick.
Quellen
· Freud, S. (1924): Das ökonomische Problem des Masochismus. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 10, 121–133. Textfassung: textlog.de
· Freud, S. (1905): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie.
· Krafft-Ebing, R. von (1886): Psychopathia sexualis.
· Reik, T. (1940): Aus Leiden Freuden; engl. Masochism in Modern Man (1941). Zitiert nach Vorlaufer (2013).
· Vorlaufer, J. (2013): Voreilender Gehorsam. Über ein Moment des sozialen Masochismus und die Auf-Gabe der Sozialen Arbeit. soziales-kapital.at
· Han, B.-C. (2010): Müdigkeitsgesellschaft.
· Bellezza, S., Paharia, N. & Keinan, A. (2017): Conspicuous Consumption of Time: When Busyness and Lack of Leisure Time Become a Status Symbol. Journal of Consumer Research, 44(1), 118–138.
· Caplan, P. J. (1985): The Myth of Women’s Masochism. New York: Dutton.
· Herman, J. L. (1992): Trauma and Recovery. New York: Basic Books.
· Fuller, A. K. (2011): Masochistic Personality Disorder: A Diagnosis Under Consideration. Jefferson Journal of Psychiatry, 4(2).
· Huprich, S. K., Zimmerman, M. A. & Chelminski, I. (2006): Should Self-Defeating Personality Disorder be revisited in the DSM? Journal of Personality Disorders, 20(4), 388–400.
· American Psychiatric Association (1987): DSM-III-R, Anhang A. Dazu (1994): DSM-IV.
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