Nebularomantisch: Bedeutung des Mikrolabels

Nebularomantisch: Bedeutung des Mikrolabels

Nebularomantisch

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Eine kopflose Figur im Wintermantel steht in einer Wüste, über ihr schwebt ein aufgeklapptes, walnussähnliches Objekt mit einem dünnen Zweig obenauf, umgeben von einer horizontalen Wolke

DESCRIPTION: Nebularomantisch beschreibt Menschen, die romantische und platonische Anziehung schwer auseinanderhalten und diese Erfahrung mit ihrer Neurodivergenz verbinden. Herkunft des Begriffs, die Forschungslage zu Alexithymie und Autismus und die Frage, was ein Label kann.

Nebularomantisch: ein Wort für etwas, das schwer zu sagen ist

Nebularomantisch bezeichnet eine Selbstbeschreibung für Menschen, die romantische und platonische Anziehung schwer auseinanderhalten können und diese Erfahrung mit ihrer Neurodivergenz verbinden. Der Begriff stammt aus Online-Communitys, ist keine klinische Kategorie und bezeichnet keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Typus von Gehirn oder Orientierung.

Gerade deshalb ist er interessant. Er wirft eine Frage auf, die größer ist als das einzelne Mikrolabel: Was geschieht, wenn eine Erfahrung zunächst nur als Unklarheit, Überforderung oder persönliches Versagen erscheint und dann ein Wort bekommt?

Was nebularomantisch bezeichnet

Die verbreitete Definition findet sich im LGBTQIA+‑Wiki. Danach gehört “nebularomantisch“ zum aromantischen Spektrum und bezeichnet Menschen, die romantische von platonischer Anziehung nicht oder nur schwer unterscheiden können, während sie ihre Neurodivergenz als relevant für diese Erfahrung verstehen. Der Eintrag versteht den Begriff als Selbstbezeichnung.

Das Präfix verweist auf das Lateinische nebula: Nebel, Dunst, Hauch oder Wolke. Gemeint ist eine fehlende Trennschärfe bei vorhandenem Gefühl. Nähe ist da, Zuneigung vielleicht auch, körperliche Aktivierung oder Bindungswunsch ebenfalls. Aber die Frage, ob dies „Verliebtheit“, Freundschaft, Begehren, Bewunderung oder etwas anderes ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Eine parallele Selbstbezeichnung ist nebulasexuell, die sich auf die sexuelle Anziehung bezieht. Solche Begriffe bieten Menschen Worte für Erfahrungen, die in konventionellen Beziehungssprachen nicht vorkommen.

Nebularomantisch ist keine Diagnose. Der Begriff beschreibt keine festgestellte neuropsychologische Ursache. Er sagt zunächst nur, wie jemand die eigene Unsicherheit oder Unschärfe der Anziehung gegenwärtig beschreibt.

Abgrenzung: nebulasexuell, demisexuell, quoiromantisch

Nebularomantisch überlagert sich mit drei benachbarten Begriffen. Sie beantworten verschiedene Fragen. Die eine lautet, ob sich eine Empfindung überhaupt benennen lässt. Die andere lautet, unter welchen Bedingungen sie auftritt.

Nebulasexuell liegt auf derselben Achse und betrifft die sexuelle Anziehung. Der frühere Artikel dieses Blogs ordnet den Begriff dem quoisexuellen Spektrum zu. gemeint ist, dass sich sexuelle Anziehung als solche nicht feststellen lässt. Beide Begriffe können auf dieselbe Person zutreffen, müssen es aber nicht. Jemand kann sexuelle Anziehung klar erkennen und trotzdem unsicher bleiben, ob eine Nähe romantisch oder freundschaftlich ist. Der umgekehrte Fall kommt ebenso vor.

Demisexuell und demiromantisch sagen etwas anderes aus. Hier ist die Anziehung erkennbar, sobald sie da ist. Sie stellt sich erst nach einer gewachsenen emotionalen Bindung ein. Demisexuelle Menschen beschreiben eine Reihenfolge, in der Vertrautheit dem Begehren vorausgeht.

Die Verwechslung entsteht, weil beide Gruppen den Satz „Am Anfang spüre ich da nichts“ sagen können. Bei demisexuellen Menschen ist das eine Aussage über den Zeitpunkt, bei nebularomantischen ist es eine Aussage über die Lesbarkeit des eigenen Zustands, und die kann nach Jahren dieselbe sein.

Quoiromantisch, auch WTFromantic, ist der weitere Begriff. Er bezeichnet Menschen, bei denen romantische und platonische Nähe ineinanderfallen oder für die die Unterscheidung keinen Sinn ergibt, ohne dass eine Ursache mitbehauptet wird. Nebularomantisch ist in der Wiki-Systematik die Variante, die diese Erfahrung ausdrücklich mit Neurodivergenz verbindet. Wer das Wort verwendet, trifft neben der Beschreibung also eine Zuschreibung, und diese Zuschreibung ist der Teil, den die Forschung bislang nicht deckt.

Woher das Wort kommt

Ein namentlich verifizierbarer Urheber ist nicht bekannt. Die einschlägigen Wiki-Einträge dokumentieren die spätere Verwendung des Begriffs, enthalten jedoch selbst Hinweise auf unvollständige oder nicht redaktionell überprüfte Angaben. Ältere Angaben zur Entstehung und zur Gestaltung der zugehörigen Flagge widersprechen sich teilweise.

Mikrolabels entstehen selten in wissenschaftlichen Institutionen, Verbänden oder Verlagen. Sie zirkulieren zunächst in Foren, auf Tumblr, in Discord-Servern, auf TikTok oder in Bild- und Textarchiven von Communitys. Ihre Geschichte ist deshalb oft bruchstückhaft: ein einzelner Beitrag, eine wiederverwendete Grafik, ein inzwischen gelöschtes Profil, ein Begriff, der ohne erkennbare Urheberschaft weitergegeben wird.

Nebularomantisch gehört wahrscheinlich in die Begriffswelle, die sich in Tumblr- und MOGAI-Kontexten seit den frühen 2010er-Jahren entwickelte. MOGAI, ursprünglich eine Sammelbezeichnung für marginalisierte Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, wurde in dieser Zeit zu einem Raum intensiver sprachlicher Produktion. Dort entstanden, zirkulierten und veränderten sich Begriffe für Geschlecht, Anziehung, Beziehung und Selbstwahrnehmung in hoher Geschwindigkeit.

Diese Entstehungssituation ist wichtig. Viele dieser Worte wurden von jungen Menschen geprägt, die mit üblichen Kategorien nicht zurechtkamen oder in ihnen nicht vorkamen. Sprachbildung ist in solchen Situationen ein Versuch, Erfahrungen sozial lesbar zu machen.

Die Vorgeschichte

Nebularomantisch setzt voraus, dass romantische und sexuelle Anziehung unterschieden werden können. Diese Annahme ist älter als das Mikrolabel. Entwickelt und verbreitet wurde sie im asexuellen und aromantischen Umfeld.

Das Asexual Visibility and Education Network, AVEN, wurde 2001 gegründet. In den dortigen Diskussionen lässt sich der Begriff aromantic spätestens seit der Mitte der 2000er Jahre nachweisen. Die heute verbreitete Formel des Split Attraction Model wurde später konsolidiert. Sie beschreibt die Möglichkeit, sexuelle, romantische, ästhetische, emotionale oder platonische Anziehung nicht als identisch zu behandeln.

Diese Differenzierung hatte zunächst eine praktische Funktion. Ein Mensch kann wenig oder keine sexuelle Anziehung erleben und dennoch verliebt sein, Bindung suchen oder eine romantische Beziehung wollen. Umgekehrt kann jemand sexuelle Anziehung erleben, ohne romantische Verliebtheit oder eine Paarbeziehung zu wünschen. Ohne die Unterscheidung würden unterschiedliche Erfahrungen unter einem einzigen Begriff verschwinden.

Antonsen und Kollegen fanden 2020 in einer Untersuchung mit asexuellen Menschen, dass ein großer Teil der Befragten romantische Anziehung berichtete, während ein anderer Teil dies nicht tat. Damit ist noch nicht jede einzelne Kategorie des Split Attraction Model gestützt. Sichtbar wird aber, warum die Trennung von sexueller und romantischer Anziehung für manche Menschen beschreibungspraktisch notwendig wurde. Ein einziges Wort für „Orientierung“ reicht nicht immer aus.

Das Modell ist allerdings eine Sprache, mit der Menschen Unterschiede beschreiben können, und kein naturwissenschaftliches Kartensystem des Begehrens. Wie jede Sprache kann sie hilfreich sein, zu grob bleiben oder zu fein werden.

Was die Wissenschaft sagt

Zu nebularomantisch selbst gibt es keine Forschung, keine repräsentativen Erhebungen zu seiner Verbreitung, keine bestätigten diagnostischen Kriterien und keine Studien, die eine spezifische Verbindung zwischen diesem Mikrolabel und bestimmten neuropsychologischen Merkmalen nachweisen.

Erfahrung bleibt trotzdem wahr. Zwischen einer geschilderten Erfahrung und einer wissenschaftlich etablierten Kategorie ist allerdings zu unterscheiden.

Forschung gibt es zu einzelnen Phänomenen, die für manche Menschen im Hintergrund einer solchen Selbstbeschreibung stehen können. Dazu gehört insbesondere die Alexithymie. Der Begriff bezeichnet Schwierigkeiten, eigene Gefühlszustände zu identifizieren, voneinander zu unterscheiden und in Worte zu fassen. Die Gefühle sind vorhanden. Ihr Charakter, ihre Intensität und ihre Bedeutung lassen sich nur nicht ohne Weiteres bestimmen.

Eine Metaanalyse von 15 Studien fand: In den untersuchten Gruppen hatten autistische Menschen deutlich häufiger Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Etwa 50 von 100 autistischen Teilnehmenden erreichten in den Studien Werte, die auf ausgeprägte Alexithymie hinweisen. In den Vergleichsgruppen ohne Autismus waren es etwa 5 von 100. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings je nach Studie, weil unterschiedliche Gruppen untersucht und verschiedene Fragebögen sowie Grenzwerte verwendet wurden.

Wichtig ist: Alexithymie ist nicht dasselbe wie Autismus. Sie kommt bei autistischen Menschen häufiger vor, betrifft aber nicht alle. Umgekehrt können auch nichtautistische Menschen Schwierigkeiten haben, eigene Gefühle zu erkennen, zu unterscheiden oder zu benennen.

Bird und Cook haben vorgeschlagen, dass ein Teil der Unterschiede in emotionaler Verarbeitung, die pauschal dem Autismus zugeschrieben werden, mit gleichzeitig vorhandener Alexithymie zusammenhängen könnte. Diese Alexithymie-Hypothese ist eine wichtige Korrektur gegenüber älteren Defiziterzählungen. Sie erlaubt aber nicht die Umkehrung, sämtliche emotionalen oder sozialen Unterschiede autistischer Menschen auf Alexithymie zurückzuführen.

Auch die Forschung zur Binnenwahrnehmung (Interozeption) ist hier nur begrenzt übertragbar. Binnenwahrnehmung meint das Erleben innerer Körpersignale: Herzschlag, Atem, Anspannung, Müdigkeit, Übelkeit, Wärme, Hunger oder Erregung. Shah und Kollegen fanden in ihrer Stichprobe, dass Alexithymie interozeptive Schwierigkeiten besser vorhersagte als die Autismusdiagnose. Das spricht gegen die einfache Behauptung, interozeptive Probleme seien notwendig oder ausschließlich „autistisch“. Es beweist aber nicht, dass romantische Anziehung deshalb schwer erkennbar ist.

Zwischen Körpersignal und Selbstbeschreibung liegen mehrere Ebenen. Ein beschleunigter Herzschlag kann Freude, Angst, Reizüberflutung, sexuelle Erregung, soziale Anspannung, Neugier oder Erwartungsdruck bedeuten. Ob jemand daraus auf Verliebtheit schließt, hängt neben der Interozeption von biografischen Erfahrungen, kulturellen Beziehungsskripten, bisherigen Bindungen, Sprache und der konkreten Situation ab.

Alexithymie und interozeptive Schwierigkeiten können für manche Menschen ein Kontext sein, in dem das Unterscheiden eigener Gefühlszustände erschwert ist. Ob dies speziell die Unterscheidung zwischen romantischer und platonischer Anziehung betrifft, ist bislang nicht untersucht.

Autismus, Orientierung und Selbstbeschreibung

Es gibt Forschung, die in autistischen Stichproben eine häufigere Selbstidentifikation außerhalb heterosexueller oder konventioneller Orientierungskategorien findet. Rita George und Mark Stokes befragten 2018 online 309 autistische und 310 nichtautistische Teilnehmer. In ihrer Stichprobe bezeichneten sich 69,7 Prozent der autistischen Befragten als nicht heterosexuell, gegenüber 30,3 Prozent in der Vergleichsgruppe.

Elizabeth Weir, Carrie Allison und Simon Baron-Cohen untersuchten 2021 insgesamt 2.386 Jugendliche und Erwachsene, darunter 1.183 Autisten. In dieser Studie berichteten autistische Frauen und Männer häufiger, sich als asexuell oder einer Kategorie „anderer“ Orientierung zugehörig zu verstehen.

Diese Ergebnisse sind relevant, ihre Reichweite ist allerdings begrenzt. Beide Studien arbeiten mit Selbstangaben und mit selbstselektierten, nicht repräsentativen Stichproben. Sie untersuchen nicht, ob Menschen romantische und platonische Anziehung unterscheiden können. Und sie belegen keine neurobiologische Ursache bestimmter Orientierungen.

In bestimmten autistischen Online-Stichproben ist die Wahrscheinlichkeit also höher, dass Menschen ihre Orientierung jenseits herkömmlicher Kategorien beschreiben. Das kann viele Gründe haben. Denkbar sind unterschiedliche Erfahrungsmuster, eine geringere Bindung an konventionelle soziale Skripte, eine größere Bereitschaft zur Selbstreflexion oder ein leichterer Zugang zu Community-Sprachen. Die Studien können diese Möglichkeiten nicht abschließend auseinanderhalten.

Für die Frage nach nebularomantisch ist das dennoch nicht bedeutungslos. Wenn Menschen ihre Erfahrungen anders kategorisieren, anders gewichten oder sich konventionellen Kategorien weniger verpflichtet fühlen, ist das sozial und psychologisch relevant, auch wenn daraus keine neue Diagnose abgeleitet werden kann.

Was ein Wort leistet

Ein Wort macht eine Erfahrung mitteilbar, aber verändert sie auch dabei. Aber damit erklärt es noch keine Ursachen.

Wer sagen kann: „Ich kann nicht sicher unterscheiden, ob das romantische oder platonische Anziehung ist“, muss die Unklarheit nicht mehr zwangsläufig als Willensschwäche, emotionale Unreife oder persönliches Defizit formulieren. Die Aussage wird konkreter. Sie kann erklärt, in einer Beziehung besprochen oder in einer Psychotherapie untersucht werden.

Das ist ein erheblicher Vorteil. Viele psychische Belastungen verschärfen sich durch die soziale Unlesbarkeit des Erlebens. Was nicht benannt werden kann, erscheint leicht als chaotisch, peinlich oder falsch. Eine Selbstbezeichnung kann in diesem Sinn entlasten, weil sie eine Erfahrung aus dem Bereich des namenlosen Mangels in den Bereich der mitteilbaren Verschiedenheit verschiebt.

Bestätigen oder widerlegen lässt sich ein Label ohnehin nicht. Weiter führen Fragen wie:

·        Welche Formen von Nähe werden als angenehm, bedrängend oder unklar erlebt?

·        Welche körperlichen, emotionalen und gedanklichen Signale treten in Begegnungen auf?

·        Welche Erwartungen an Paarbeziehung, Exklusivität, Sexualität oder Verliebtheit erzeugen Druck?

·        Welche Wünsche lassen sich trotz Unsicherheit benennen?

·        Welche Grenzen müssen klar kommuniziert werden, auch wenn die eigene Selbstdeutung vorläufig bleibt?

Ein Begriff kann den Zugang zu solchen Fragen eröffnen.

Der Looping-Effekt

Der Philosoph Ian Hacking hat beschrieben, dass Klassifikationen von Menschen anders funktionieren als Klassifikationen von Mineralien oder Tierarten. Menschen erfahren, wie sie eingeordnet werden. Sie können eine Kategorie übernehmen, ablehnen, umdeuten, strategisch verwenden oder gegen sie protestieren. Dadurch verändert sich das Erleben, und mit ihm die Bedeutung der Kategorie selbst. Hacking bezeichnete dieses Wechselverhältnis als Looping-Effekt.

Mikrolabels zeigen diese Dynamik in beschleunigter Form. Ein Begriff wird vorgeschlagen, von anderen aufgenommen, bildlich dargestellt, in Listen eingeordnet, kritisiert, neu definiert und über soziale Medien verbreitet. Seine Bedeutung entsteht nicht an einem Ursprungspunkt und bleibt auch nicht dort stehen. Sie wird durch ihren Gebrauch hergestellt.

Keine Identität ist unecht, nur weil sie sprachlich von einer Selbstbezeichnung vermittelt ist. Menschen können ihre Erfahrung nur mit den Worten verstehen und mitteilen, die ihnen zur Verfügung stehen. Neue Wörter erweitern diesen Vorrat.

Ein Begriff kann Scham reduzieren, Zugehörigkeit schaffen und Verständigung schärfen. Er kann aber auch zu einer fertigen Stanzform werden, die vorläufige Fragen zu schnell abweist. Das hängt davon ab, ob das Label als bewegliche Beschreibung oder als endgültige Wesensbestimmung verwendet wird.

Warum Spott unangebracht ist

Die übliche Abwertung von Mikrolabels, besonders aus der Schulmedizin, lautet: erfundene Orientierungen, Aufmerksamkeitsökonomie, „Tumblr-Unsinn“. Diese Reaktion verfehlt den Gegenstand aus mehreren Gründen.

Erstens verwechselt sie die fehlende wissenschaftliche Validierung eines Begriffs mit der Nichtexistenz der Erfahrung, auf die er sich bezieht. Dass zu nebularomantisch keine Forschung vorliegt, besagt nicht, dass Menschen nicht erleben können, romantische und platonische Nähe schwer auseinanderzuhalten.

Zweitens unterstellt der Spott häufig eine Absicht, wofür er keine Beweise hat. Wer ein Wort für eine belastende oder verwirrende Erfahrung sucht, sucht damit oft eine Sprache, die Selbstvorwürfe reduziert und eine schwierige Verständigung erleichtert.

Drittens beruht der Spott selbst auf einer unbegründeten Wissenschaftsauffassung. Er setzt voraus, es gebe eine richtige, begrenzte Zahl zulässiger Selbstbeschreibungen. Einen objektiven Maßstab dafür gibt es nicht. Begriffe können schlecht gewählt, unverständlich, redundant oder sozial unbrauchbar sein. Daraus folgt nicht, dass Menschen keine neuen Begriffe bilden dürften.

Es ist zudem dokumentiert, dass in Online-Konflikten über MOGAI und Mikrolabels auch Troll- und Scheinkonten Begriffe erfanden oder zuspitzten, um queere Communitys lächerlich zu machen. Dieser Umstand verlangt Quellenkritik. Er rechtfertigt aber nicht, jede ungewöhnliche Selbstbeschreibung als Täuschung oder Hohn zu behandeln.

Sammelleidewut

Die Gegenposition ist auch nicht besser. Wenn jede minimale Differenz sofort zu einer stabilen Identitätskategorie wird, kann Sprache ihren Gegenstand verdecken. Dann tritt die Verwaltung von Begriffen an die Stelle der Frage, was ein Mensch tatsächlich erlebt, sucht, fürchtet oder mit anderen vereinbaren möchte.

Unterscheidung kann notwendig sein. Das Problem beginnt dort, wo eine Kategorie als vollständige Erklärung behandelt wird.

„Ich bin nebularomantisch“ kann eine hilfreiche erste Mitteilung sein. Es sollte nicht automatisch die letzte sein. Der Satz kann bedeuten: „Ich brauche Zeit, um meine Nähegefühle zu verstehen.“ Er kann auch bedeuten: „Ich weiß nicht, ob ich eine romantische Beziehung möchte.“ Oder: „Ich möchte eine Beziehung, aber die bekannten Begriffe passen nicht.“ Oder: „Ich spüre eine Bindung, kann aber nicht vorhersagen, wie sie sich entwickeln wird.“

Diese Aussagen sind nicht dasselbe. Ein Mikrolabel kann sie sichtbar machen, aber nicht ersetzen.

Anziehung ist zudem keine Messgröße. Sie verändert sich mit Beziehungserfahrung, Lebensphase, Stress, psychischer Belastung, Sicherheit, sozialem Kontext und dem konkreten Gegenüber. Eine Selbstbeschreibung darf deshalb vorläufig bleiben. Sie muss nicht in eine endgültige Identität gegossen werden, um berechtigt zu sein.

Was ein Label nicht beantwortet

Nebularomantisch beantwortet die Frage, wie jemand die eigene Unschärfe gegenwärtig beschreibt. Es beantwortet nicht, was dieser Mensch mit einem anderen Menschen möchte.

Es beantwortet nicht:

·        Ob Nähe erwünscht ist.

·        Ob Sexualität gewünscht, möglich oder unangenehm ist.

·        Ob eine romantische, freundschaftliche, offene oder exklusive Beziehung gesucht wird.

·        Welche Verbindlichkeit möglich ist.

·        Wie Unsicherheit kommuniziert werden kann, ohne den anderen im Unklaren zu lassen.

·        Was geschieht, wenn zwei Menschen unterschiedliche Wünsche haben.

Diese Fragen bleiben auch mit einem gut gewählten Label offen. In Paarbeziehungen sind sie entscheidender als die Frage, ob die Selbstbeschreibung perfekt begrifflich definiert ist.

Bei Neurodivergenz kann daraus eine besondere Belastung erwachsen. Viele soziale Umwelten verlangen eine schnelle und eindeutige Auskunft über Gefühle: „Bist du verliebt? Willst du eine Beziehung? Ist das Freundschaft oder mehr?“ Diese Forderung kann überfordern, wenn eigene Zustände erst spät, anders oder nicht eindeutig lesbar werden.

Ein Begriff wie nebularomantisch kann den Druck kurz reduzieren. Er erlaubt den Satz: „Ich weiß es noch nicht in den Kategorien, die du erwartest.“ Die Verständigungsaufgabe bleibt jedoch bestehen: Wünsche, Grenzen, Unsicherheit und mögliche Veränderungen müssen mit dem Gegenüber besprechbar werden.

Das Wichtigste in Kürze

•            Nebularomantisch ist ein Mikrolabel aus Online-Communitys für Menschen, die romantische und platonische Anziehung schwer unterscheiden und diese Erfahrung mit ihrer Neurodivergenz verbinden.

•            Der Begriff ist keine Diagnose, keine medizinisch anerkannte Orientierungskategorie und kein Nachweis einer spezifischen neurologischen Ursache.

•            Zu nebularomantisch selbst gibt es keine Forschung. Herkunft, genaue Urheberschaft und frühe Begriffsgeschichte sind nur lückenhaft dokumentiert.

•            Alexithymie beschreibt Schwierigkeiten, eigene Gefühlszustände zu erkennen, zu unterscheiden und sprachlich zu fassen. Sie kommt in den untersuchten Autismusstichproben häufiger vor, erklärt aber nicht pauschal Autismus und belegt keine spezifische Schwierigkeit bei romantischer Anziehung.

•            Binnensignale sind mehrdeutig. Zwischen Körperempfindung und der Deutung „Ich bin verliebt“ liegen biografische, soziale und sprachliche Prozesse.

•            Studien finden in bestimmten autistischen Online-Stichproben häufiger Selbstbeschreibungen außerhalb heterosexueller und konventioneller Orientierungskategorien. Sie messen jedoch weder Nebularomantik noch deren Ursachen oder Verbreitung.

•            Ein Mikrolabel kann eine diffuse Erfahrung kommunizierbar machen, Scham reduzieren und die Aushandlung von Beziehungen erleichtern.

•            Problematisch wird ein Label erst dann, wenn es eine offene Selbstuntersuchung oder konkrete Verständigung über Wünsche, Grenzen und Verbindlichkeit ersetzen soll.

•            Entscheidend ist, ob ein Wort Verständigung ermöglicht. Spott über ungewöhnliche Selbstbeschreibungen und die Forderung nach immer feinerer Selbstklassifikation verfehlt diesen Umstand.

Quellen

·        LGBTQIA+ Wiki: „Nebularomantic“

·        LGBTQIA+ Wiki: „Nebulasexual“

·        AUREA: Splitting Attraction: A History of Discussing Orientation

·        Antonsen, A. N., Zdaniuk, B. Yule, M.. Brotto, L. A.: „Ace and Aro: Understanding Differences in Romantic Attractions Among Persons Identifying as Asexual.” Archives of Sexual Behavior 49, 2020, S. 1615.1630.

·        Kinnaird, E.. Stewart, C.. Tchanturia, K.: „Investigating Alexithymia in Autism: A Systematic Review and Meta-analysis.” European Psychiatry 55, 2019, S. 80.89.

·        Bird, G., Cook, R.: „Mixed Emotions: The Contribution of Alexithymia to the Emotional Symptoms of Autism.” Translational Psychiatry 3, 2013, e285.

·        Shah, P., Hall, R., Catmur, C., Bird, G.: „Alexithymia, Not Autism, Is Associated with Impaired Interoception.” Cortex 81, 2016, S. 215.220.

·        George, R., Stokes, M. A.: „Sexual Orientation in Autism Spectrum Disorder.” Autism Research 11, 2018, S. 133.141.

·        Weir, E., Allison, C., Baron-Cohen, S.: „The Sexual Health, Orientation, and Activity of Autistic Adolescents and Adults.” Autism Research 14, 2021, S. 2342.2354.

·        Hacking, I.: „Making Up People.” London Review of Books 28, Nr. 16, 2006.

·        Hacking, I.: „Kinds of People: Moving Targets.” Proceedings of the British Academy 151, 2007, S. 285.318.


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Nebularomantisch: ein Wort für etwas, das schwer zu sagen ist

Nebularomantisch bezeichnet eine Selbstbeschreibung für Menschen, die romantische und platonische Anziehung schwer auseinanderhalten können und diese Erfahrung mit ihrer Neurodivergenz verbinden. Der Begriff stammt aus Online-Communitys, ist keine klinische Kategorie und bezeichnet keinen wissenschaftlich nachgewiesenen Typus von Gehirn oder Orientierung.

Gerade deshalb ist er interessant. Er wirft eine Frage auf, die größer ist als das einzelne Mikrolabel: Was geschieht, wenn eine Erfahrung zunächst nur als Unklarheit, Überforderung oder persönliches Versagen erscheint und dann ein Wort bekommt?

Was nebularomantisch bezeichnet

Die verbreitete Definition findet sich im LGBTQIA+‑Wiki. Danach gehört “nebularomantisch“ zum aromantischen Spektrum und bezeichnet Menschen, die romantische von platonischer Anziehung nicht oder nur schwer unterscheiden können, während sie ihre Neurodivergenz als relevant für diese Erfahrung verstehen. Der Eintrag versteht den Begriff als Selbstbezeichnung.

Das Präfix verweist auf das Lateinische nebula: Nebel, Dunst, Hauch oder Wolke. Gemeint ist eine fehlende Trennschärfe bei vorhandenem Gefühl. Nähe ist da, Zuneigung vielleicht auch, körperliche Aktivierung oder Bindungswunsch ebenfalls. Aber die Frage, ob dies „Verliebtheit“, Freundschaft, Begehren, Bewunderung oder etwas anderes ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten.

Eine parallele Selbstbezeichnung ist nebulasexuell, die sich auf die sexuelle Anziehung bezieht. Solche Begriffe bieten Menschen Worte für Erfahrungen, die in konventionellen Beziehungssprachen nicht vorkommen.

Nebularomantisch ist keine Diagnose. Der Begriff beschreibt keine festgestellte neuropsychologische Ursache. Er sagt zunächst nur, wie jemand die eigene Unsicherheit oder Unschärfe der Anziehung gegenwärtig beschreibt.

Abgrenzung: nebulasexuell, demisexuell, quoiromantisch

Nebularomantisch überlagert sich mit drei benachbarten Begriffen. Sie beantworten verschiedene Fragen. Die eine lautet, ob sich eine Empfindung überhaupt benennen lässt. Die andere lautet, unter welchen Bedingungen sie auftritt.

Nebulasexuell liegt auf derselben Achse und betrifft die sexuelle Anziehung. Der frühere Artikel dieses Blogs ordnet den Begriff dem quoisexuellen Spektrum zu. gemeint ist, dass sich sexuelle Anziehung als solche nicht feststellen lässt. Beide Begriffe können auf dieselbe Person zutreffen, müssen es aber nicht. Jemand kann sexuelle Anziehung klar erkennen und trotzdem unsicher bleiben, ob eine Nähe romantisch oder freundschaftlich ist. Der umgekehrte Fall kommt ebenso vor.

Demisexuell und demiromantisch sagen etwas anderes aus. Hier ist die Anziehung erkennbar, sobald sie da ist. Sie stellt sich erst nach einer gewachsenen emotionalen Bindung ein. Demisexuelle Menschen beschreiben eine Reihenfolge, in der Vertrautheit dem Begehren vorausgeht.

Die Verwechslung entsteht, weil beide Gruppen den Satz „Am Anfang spüre ich da nichts“ sagen können. Bei demisexuellen Menschen ist das eine Aussage über den Zeitpunkt, bei nebularomantischen ist es eine Aussage über die Lesbarkeit des eigenen Zustands, und die kann nach Jahren dieselbe sein.

Quoiromantisch, auch WTFromantic, ist der weitere Begriff. Er bezeichnet Menschen, bei denen romantische und platonische Nähe ineinanderfallen oder für die die Unterscheidung keinen Sinn ergibt, ohne dass eine Ursache mitbehauptet wird. Nebularomantisch ist in der Wiki-Systematik die Variante, die diese Erfahrung ausdrücklich mit Neurodivergenz verbindet. Wer das Wort verwendet, trifft neben der Beschreibung also eine Zuschreibung, und diese Zuschreibung ist der Teil, den die Forschung bislang nicht deckt.

Woher das Wort kommt

Ein namentlich verifizierbarer Urheber ist nicht bekannt. Die einschlägigen Wiki-Einträge dokumentieren die spätere Verwendung des Begriffs, enthalten jedoch selbst Hinweise auf unvollständige oder nicht redaktionell überprüfte Angaben. Ältere Angaben zur Entstehung und zur Gestaltung der zugehörigen Flagge widersprechen sich teilweise.

Mikrolabels entstehen selten in wissenschaftlichen Institutionen, Verbänden oder Verlagen. Sie zirkulieren zunächst in Foren, auf Tumblr, in Discord-Servern, auf TikTok oder in Bild- und Textarchiven von Communitys. Ihre Geschichte ist deshalb oft bruchstückhaft: ein einzelner Beitrag, eine wiederverwendete Grafik, ein inzwischen gelöschtes Profil, ein Begriff, der ohne erkennbare Urheberschaft weitergegeben wird.

Nebularomantisch gehört wahrscheinlich in die Begriffswelle, die sich in Tumblr- und MOGAI-Kontexten seit den frühen 2010er-Jahren entwickelte. MOGAI, ursprünglich eine Sammelbezeichnung für marginalisierte Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, wurde in dieser Zeit zu einem Raum intensiver sprachlicher Produktion. Dort entstanden, zirkulierten und veränderten sich Begriffe für Geschlecht, Anziehung, Beziehung und Selbstwahrnehmung in hoher Geschwindigkeit.

Diese Entstehungssituation ist wichtig. Viele dieser Worte wurden von jungen Menschen geprägt, die mit üblichen Kategorien nicht zurechtkamen oder in ihnen nicht vorkamen. Sprachbildung ist in solchen Situationen ein Versuch, Erfahrungen sozial lesbar zu machen.

Die Vorgeschichte

Nebularomantisch setzt voraus, dass romantische und sexuelle Anziehung unterschieden werden können. Diese Annahme ist älter als das Mikrolabel. Entwickelt und verbreitet wurde sie im asexuellen und aromantischen Umfeld.

Das Asexual Visibility and Education Network, AVEN, wurde 2001 gegründet. In den dortigen Diskussionen lässt sich der Begriff aromantic spätestens seit der Mitte der 2000er Jahre nachweisen. Die heute verbreitete Formel des Split Attraction Model wurde später konsolidiert. Sie beschreibt die Möglichkeit, sexuelle, romantische, ästhetische, emotionale oder platonische Anziehung nicht als identisch zu behandeln.

Diese Differenzierung hatte zunächst eine praktische Funktion. Ein Mensch kann wenig oder keine sexuelle Anziehung erleben und dennoch verliebt sein, Bindung suchen oder eine romantische Beziehung wollen. Umgekehrt kann jemand sexuelle Anziehung erleben, ohne romantische Verliebtheit oder eine Paarbeziehung zu wünschen. Ohne die Unterscheidung würden unterschiedliche Erfahrungen unter einem einzigen Begriff verschwinden.

Antonsen und Kollegen fanden 2020 in einer Untersuchung mit asexuellen Menschen, dass ein großer Teil der Befragten romantische Anziehung berichtete, während ein anderer Teil dies nicht tat. Damit ist noch nicht jede einzelne Kategorie des Split Attraction Model gestützt. Sichtbar wird aber, warum die Trennung von sexueller und romantischer Anziehung für manche Menschen beschreibungspraktisch notwendig wurde. Ein einziges Wort für „Orientierung“ reicht nicht immer aus.

Das Modell ist allerdings eine Sprache, mit der Menschen Unterschiede beschreiben können, und kein naturwissenschaftliches Kartensystem des Begehrens. Wie jede Sprache kann sie hilfreich sein, zu grob bleiben oder zu fein werden.

Was die Wissenschaft sagt

Zu nebularomantisch selbst gibt es keine Forschung, keine repräsentativen Erhebungen zu seiner Verbreitung, keine bestätigten diagnostischen Kriterien und keine Studien, die eine spezifische Verbindung zwischen diesem Mikrolabel und bestimmten neuropsychologischen Merkmalen nachweisen.

Erfahrung bleibt trotzdem wahr. Zwischen einer geschilderten Erfahrung und einer wissenschaftlich etablierten Kategorie ist allerdings zu unterscheiden.

Forschung gibt es zu einzelnen Phänomenen, die für manche Menschen im Hintergrund einer solchen Selbstbeschreibung stehen können. Dazu gehört insbesondere die Alexithymie. Der Begriff bezeichnet Schwierigkeiten, eigene Gefühlszustände zu identifizieren, voneinander zu unterscheiden und in Worte zu fassen. Die Gefühle sind vorhanden. Ihr Charakter, ihre Intensität und ihre Bedeutung lassen sich nur nicht ohne Weiteres bestimmen.

Eine Metaanalyse von 15 Studien fand: In den untersuchten Gruppen hatten autistische Menschen deutlich häufiger Schwierigkeiten, ihre eigenen Gefühle zu erkennen und in Worte zu fassen. Etwa 50 von 100 autistischen Teilnehmenden erreichten in den Studien Werte, die auf ausgeprägte Alexithymie hinweisen. In den Vergleichsgruppen ohne Autismus waren es etwa 5 von 100. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings je nach Studie, weil unterschiedliche Gruppen untersucht und verschiedene Fragebögen sowie Grenzwerte verwendet wurden.

Wichtig ist: Alexithymie ist nicht dasselbe wie Autismus. Sie kommt bei autistischen Menschen häufiger vor, betrifft aber nicht alle. Umgekehrt können auch nichtautistische Menschen Schwierigkeiten haben, eigene Gefühle zu erkennen, zu unterscheiden oder zu benennen.

Bird und Cook haben vorgeschlagen, dass ein Teil der Unterschiede in emotionaler Verarbeitung, die pauschal dem Autismus zugeschrieben werden, mit gleichzeitig vorhandener Alexithymie zusammenhängen könnte. Diese Alexithymie-Hypothese ist eine wichtige Korrektur gegenüber älteren Defiziterzählungen. Sie erlaubt aber nicht die Umkehrung, sämtliche emotionalen oder sozialen Unterschiede autistischer Menschen auf Alexithymie zurückzuführen.

Auch die Forschung zur Binnenwahrnehmung (Interozeption) ist hier nur begrenzt übertragbar. Binnenwahrnehmung meint das Erleben innerer Körpersignale: Herzschlag, Atem, Anspannung, Müdigkeit, Übelkeit, Wärme, Hunger oder Erregung. Shah und Kollegen fanden in ihrer Stichprobe, dass Alexithymie interozeptive Schwierigkeiten besser vorhersagte als die Autismusdiagnose. Das spricht gegen die einfache Behauptung, interozeptive Probleme seien notwendig oder ausschließlich „autistisch“. Es beweist aber nicht, dass romantische Anziehung deshalb schwer erkennbar ist.

Zwischen Körpersignal und Selbstbeschreibung liegen mehrere Ebenen. Ein beschleunigter Herzschlag kann Freude, Angst, Reizüberflutung, sexuelle Erregung, soziale Anspannung, Neugier oder Erwartungsdruck bedeuten. Ob jemand daraus auf Verliebtheit schließt, hängt neben der Interozeption von biografischen Erfahrungen, kulturellen Beziehungsskripten, bisherigen Bindungen, Sprache und der konkreten Situation ab.

Alexithymie und interozeptive Schwierigkeiten können für manche Menschen ein Kontext sein, in dem das Unterscheiden eigener Gefühlszustände erschwert ist. Ob dies speziell die Unterscheidung zwischen romantischer und platonischer Anziehung betrifft, ist bislang nicht untersucht.

Autismus, Orientierung und Selbstbeschreibung

Es gibt Forschung, die in autistischen Stichproben eine häufigere Selbstidentifikation außerhalb heterosexueller oder konventioneller Orientierungskategorien findet. Rita George und Mark Stokes befragten 2018 online 309 autistische und 310 nichtautistische Teilnehmer. In ihrer Stichprobe bezeichneten sich 69,7 Prozent der autistischen Befragten als nicht heterosexuell, gegenüber 30,3 Prozent in der Vergleichsgruppe.

Elizabeth Weir, Carrie Allison und Simon Baron-Cohen untersuchten 2021 insgesamt 2.386 Jugendliche und Erwachsene, darunter 1.183 Autisten. In dieser Studie berichteten autistische Frauen und Männer häufiger, sich als asexuell oder einer Kategorie „anderer“ Orientierung zugehörig zu verstehen.

Diese Ergebnisse sind relevant, ihre Reichweite ist allerdings begrenzt. Beide Studien arbeiten mit Selbstangaben und mit selbstselektierten, nicht repräsentativen Stichproben. Sie untersuchen nicht, ob Menschen romantische und platonische Anziehung unterscheiden können. Und sie belegen keine neurobiologische Ursache bestimmter Orientierungen.

In bestimmten autistischen Online-Stichproben ist die Wahrscheinlichkeit also höher, dass Menschen ihre Orientierung jenseits herkömmlicher Kategorien beschreiben. Das kann viele Gründe haben. Denkbar sind unterschiedliche Erfahrungsmuster, eine geringere Bindung an konventionelle soziale Skripte, eine größere Bereitschaft zur Selbstreflexion oder ein leichterer Zugang zu Community-Sprachen. Die Studien können diese Möglichkeiten nicht abschließend auseinanderhalten.

Für die Frage nach nebularomantisch ist das dennoch nicht bedeutungslos. Wenn Menschen ihre Erfahrungen anders kategorisieren, anders gewichten oder sich konventionellen Kategorien weniger verpflichtet fühlen, ist das sozial und psychologisch relevant, auch wenn daraus keine neue Diagnose abgeleitet werden kann.

Was ein Wort leistet

Ein Wort macht eine Erfahrung mitteilbar, aber verändert sie auch dabei. Aber damit erklärt es noch keine Ursachen.

Wer sagen kann: „Ich kann nicht sicher unterscheiden, ob das romantische oder platonische Anziehung ist“, muss die Unklarheit nicht mehr zwangsläufig als Willensschwäche, emotionale Unreife oder persönliches Defizit formulieren. Die Aussage wird konkreter. Sie kann erklärt, in einer Beziehung besprochen oder in einer Psychotherapie untersucht werden.

Das ist ein erheblicher Vorteil. Viele psychische Belastungen verschärfen sich durch die soziale Unlesbarkeit des Erlebens. Was nicht benannt werden kann, erscheint leicht als chaotisch, peinlich oder falsch. Eine Selbstbezeichnung kann in diesem Sinn entlasten, weil sie eine Erfahrung aus dem Bereich des namenlosen Mangels in den Bereich der mitteilbaren Verschiedenheit verschiebt.

Bestätigen oder widerlegen lässt sich ein Label ohnehin nicht. Weiter führen Fragen wie:

·        Welche Formen von Nähe werden als angenehm, bedrängend oder unklar erlebt?

·        Welche körperlichen, emotionalen und gedanklichen Signale treten in Begegnungen auf?

·        Welche Erwartungen an Paarbeziehung, Exklusivität, Sexualität oder Verliebtheit erzeugen Druck?

·        Welche Wünsche lassen sich trotz Unsicherheit benennen?

·        Welche Grenzen müssen klar kommuniziert werden, auch wenn die eigene Selbstdeutung vorläufig bleibt?

Ein Begriff kann den Zugang zu solchen Fragen eröffnen.

Der Looping-Effekt

Der Philosoph Ian Hacking hat beschrieben, dass Klassifikationen von Menschen anders funktionieren als Klassifikationen von Mineralien oder Tierarten. Menschen erfahren, wie sie eingeordnet werden. Sie können eine Kategorie übernehmen, ablehnen, umdeuten, strategisch verwenden oder gegen sie protestieren. Dadurch verändert sich das Erleben, und mit ihm die Bedeutung der Kategorie selbst. Hacking bezeichnete dieses Wechselverhältnis als Looping-Effekt.

Mikrolabels zeigen diese Dynamik in beschleunigter Form. Ein Begriff wird vorgeschlagen, von anderen aufgenommen, bildlich dargestellt, in Listen eingeordnet, kritisiert, neu definiert und über soziale Medien verbreitet. Seine Bedeutung entsteht nicht an einem Ursprungspunkt und bleibt auch nicht dort stehen. Sie wird durch ihren Gebrauch hergestellt.

Keine Identität ist unecht, nur weil sie sprachlich von einer Selbstbezeichnung vermittelt ist. Menschen können ihre Erfahrung nur mit den Worten verstehen und mitteilen, die ihnen zur Verfügung stehen. Neue Wörter erweitern diesen Vorrat.

Ein Begriff kann Scham reduzieren, Zugehörigkeit schaffen und Verständigung schärfen. Er kann aber auch zu einer fertigen Stanzform werden, die vorläufige Fragen zu schnell abweist. Das hängt davon ab, ob das Label als bewegliche Beschreibung oder als endgültige Wesensbestimmung verwendet wird.

Warum Spott unangebracht ist

Die übliche Abwertung von Mikrolabels, besonders aus der Schulmedizin, lautet: erfundene Orientierungen, Aufmerksamkeitsökonomie, „Tumblr-Unsinn“. Diese Reaktion verfehlt den Gegenstand aus mehreren Gründen.

Erstens verwechselt sie die fehlende wissenschaftliche Validierung eines Begriffs mit der Nichtexistenz der Erfahrung, auf die er sich bezieht. Dass zu nebularomantisch keine Forschung vorliegt, besagt nicht, dass Menschen nicht erleben können, romantische und platonische Nähe schwer auseinanderzuhalten.

Zweitens unterstellt der Spott häufig eine Absicht, wofür er keine Beweise hat. Wer ein Wort für eine belastende oder verwirrende Erfahrung sucht, sucht damit oft eine Sprache, die Selbstvorwürfe reduziert und eine schwierige Verständigung erleichtert.

Drittens beruht der Spott selbst auf einer unbegründeten Wissenschaftsauffassung. Er setzt voraus, es gebe eine richtige, begrenzte Zahl zulässiger Selbstbeschreibungen. Einen objektiven Maßstab dafür gibt es nicht. Begriffe können schlecht gewählt, unverständlich, redundant oder sozial unbrauchbar sein. Daraus folgt nicht, dass Menschen keine neuen Begriffe bilden dürften.

Es ist zudem dokumentiert, dass in Online-Konflikten über MOGAI und Mikrolabels auch Troll- und Scheinkonten Begriffe erfanden oder zuspitzten, um queere Communitys lächerlich zu machen. Dieser Umstand verlangt Quellenkritik. Er rechtfertigt aber nicht, jede ungewöhnliche Selbstbeschreibung als Täuschung oder Hohn zu behandeln.

Sammelleidewut

Die Gegenposition ist auch nicht besser. Wenn jede minimale Differenz sofort zu einer stabilen Identitätskategorie wird, kann Sprache ihren Gegenstand verdecken. Dann tritt die Verwaltung von Begriffen an die Stelle der Frage, was ein Mensch tatsächlich erlebt, sucht, fürchtet oder mit anderen vereinbaren möchte.

Unterscheidung kann notwendig sein. Das Problem beginnt dort, wo eine Kategorie als vollständige Erklärung behandelt wird.

„Ich bin nebularomantisch“ kann eine hilfreiche erste Mitteilung sein. Es sollte nicht automatisch die letzte sein. Der Satz kann bedeuten: „Ich brauche Zeit, um meine Nähegefühle zu verstehen.“ Er kann auch bedeuten: „Ich weiß nicht, ob ich eine romantische Beziehung möchte.“ Oder: „Ich möchte eine Beziehung, aber die bekannten Begriffe passen nicht.“ Oder: „Ich spüre eine Bindung, kann aber nicht vorhersagen, wie sie sich entwickeln wird.“

Diese Aussagen sind nicht dasselbe. Ein Mikrolabel kann sie sichtbar machen, aber nicht ersetzen.

Anziehung ist zudem keine Messgröße. Sie verändert sich mit Beziehungserfahrung, Lebensphase, Stress, psychischer Belastung, Sicherheit, sozialem Kontext und dem konkreten Gegenüber. Eine Selbstbeschreibung darf deshalb vorläufig bleiben. Sie muss nicht in eine endgültige Identität gegossen werden, um berechtigt zu sein.

Was ein Label nicht beantwortet

Nebularomantisch beantwortet die Frage, wie jemand die eigene Unschärfe gegenwärtig beschreibt. Es beantwortet nicht, was dieser Mensch mit einem anderen Menschen möchte.

Es beantwortet nicht:

·        Ob Nähe erwünscht ist.

·        Ob Sexualität gewünscht, möglich oder unangenehm ist.

·        Ob eine romantische, freundschaftliche, offene oder exklusive Beziehung gesucht wird.

·        Welche Verbindlichkeit möglich ist.

·        Wie Unsicherheit kommuniziert werden kann, ohne den anderen im Unklaren zu lassen.

·        Was geschieht, wenn zwei Menschen unterschiedliche Wünsche haben.

Diese Fragen bleiben auch mit einem gut gewählten Label offen. In Paarbeziehungen sind sie entscheidender als die Frage, ob die Selbstbeschreibung perfekt begrifflich definiert ist.

Bei Neurodivergenz kann daraus eine besondere Belastung erwachsen. Viele soziale Umwelten verlangen eine schnelle und eindeutige Auskunft über Gefühle: „Bist du verliebt? Willst du eine Beziehung? Ist das Freundschaft oder mehr?“ Diese Forderung kann überfordern, wenn eigene Zustände erst spät, anders oder nicht eindeutig lesbar werden.

Ein Begriff wie nebularomantisch kann den Druck kurz reduzieren. Er erlaubt den Satz: „Ich weiß es noch nicht in den Kategorien, die du erwartest.“ Die Verständigungsaufgabe bleibt jedoch bestehen: Wünsche, Grenzen, Unsicherheit und mögliche Veränderungen müssen mit dem Gegenüber besprechbar werden.

Das Wichtigste in Kürze

•            Nebularomantisch ist ein Mikrolabel aus Online-Communitys für Menschen, die romantische und platonische Anziehung schwer unterscheiden und diese Erfahrung mit ihrer Neurodivergenz verbinden.

•            Der Begriff ist keine Diagnose, keine medizinisch anerkannte Orientierungskategorie und kein Nachweis einer spezifischen neurologischen Ursache.

•            Zu nebularomantisch selbst gibt es keine Forschung. Herkunft, genaue Urheberschaft und frühe Begriffsgeschichte sind nur lückenhaft dokumentiert.

•            Alexithymie beschreibt Schwierigkeiten, eigene Gefühlszustände zu erkennen, zu unterscheiden und sprachlich zu fassen. Sie kommt in den untersuchten Autismusstichproben häufiger vor, erklärt aber nicht pauschal Autismus und belegt keine spezifische Schwierigkeit bei romantischer Anziehung.

•            Binnensignale sind mehrdeutig. Zwischen Körperempfindung und der Deutung „Ich bin verliebt“ liegen biografische, soziale und sprachliche Prozesse.

•            Studien finden in bestimmten autistischen Online-Stichproben häufiger Selbstbeschreibungen außerhalb heterosexueller und konventioneller Orientierungskategorien. Sie messen jedoch weder Nebularomantik noch deren Ursachen oder Verbreitung.

•            Ein Mikrolabel kann eine diffuse Erfahrung kommunizierbar machen, Scham reduzieren und die Aushandlung von Beziehungen erleichtern.

•            Problematisch wird ein Label erst dann, wenn es eine offene Selbstuntersuchung oder konkrete Verständigung über Wünsche, Grenzen und Verbindlichkeit ersetzen soll.

•            Entscheidend ist, ob ein Wort Verständigung ermöglicht. Spott über ungewöhnliche Selbstbeschreibungen und die Forderung nach immer feinerer Selbstklassifikation verfehlt diesen Umstand.

Quellen

·        LGBTQIA+ Wiki: „Nebularomantic“

·        LGBTQIA+ Wiki: „Nebulasexual“

·        AUREA: Splitting Attraction: A History of Discussing Orientation

·        Antonsen, A. N., Zdaniuk, B. Yule, M.. Brotto, L. A.: „Ace and Aro: Understanding Differences in Romantic Attractions Among Persons Identifying as Asexual.” Archives of Sexual Behavior 49, 2020, S. 1615.1630.

·        Kinnaird, E.. Stewart, C.. Tchanturia, K.: „Investigating Alexithymia in Autism: A Systematic Review and Meta-analysis.” European Psychiatry 55, 2019, S. 80.89.

·        Bird, G., Cook, R.: „Mixed Emotions: The Contribution of Alexithymia to the Emotional Symptoms of Autism.” Translational Psychiatry 3, 2013, e285.

·        Shah, P., Hall, R., Catmur, C., Bird, G.: „Alexithymia, Not Autism, Is Associated with Impaired Interoception.” Cortex 81, 2016, S. 215.220.

·        George, R., Stokes, M. A.: „Sexual Orientation in Autism Spectrum Disorder.” Autism Research 11, 2018, S. 133.141.

·        Weir, E., Allison, C., Baron-Cohen, S.: „The Sexual Health, Orientation, and Activity of Autistic Adolescents and Adults.” Autism Research 14, 2021, S. 2342.2354.

·        Hacking, I.: „Making Up People.” London Review of Books 28, Nr. 16, 2006.

·        Hacking, I.: „Kinds of People: Moving Targets.” Proceedings of the British Academy 151, 2007, S. 285.318.


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