Beziehung am Ende, aber keiner macht Schluss: Psychologie der toten Ehe

Beziehung am Ende, aber keiner macht Schluss: Psychologie der toten Ehe

Beziehung am Ende, aber keiner macht Schluss

Veröffentlicht am:

Ein Marmortisch mit zwei Marmorstühlen auf einem Sockel in einem kahlen Raum, die Tischplatte hat einen Riss

DESCRIPTION: Viele Ehen sind längst leer, und trotzdem macht keiner der Partner Schluss. Mit Freud und Lorenzers faulem Kompromiss: Warum das Bleiben eine gemeinsame Leistung ist und was der Ratschlag „Geh oder arbeite an euch“ übersieht.

Die Ehe, die keiner beendet

Manche Ehen sind seit Jahren tot und werden trotzdem nicht beendet. Beide wissen es, beide sprechen es nicht aus, und die Umgebung nennt das Paar stabil. Das Bleiben ist eine gemeinsame Leistung: Es hält etwas fern, das für beide schlimmer wäre als das Unglück. Freud hat das Muster 1924 beschrieben, Alfred Lorenzer nennt die Form dahinter den faulen Kompromiss.

Beziehung am Ende, aber keiner macht Schluss

Im Ehestreit wird verhandelt, gedroht, gelitten und manchmal gegangen. Die tote Ehe verläuft ruhig. Man teilt Wohnung, Kalender und Urlaube, spricht über Termine und Kinder, schläft nebeneinander oder in getrennten Zimmern und hat sich seit Jahren nichts Wesentliches mehr gesagt. Auf die Frage, warum man zusammenbleibt, kommen Antworten wie „der Kinder wegen“, „wir haben uns auseinandergelebt“, „so ist das eben nach zwanzig Jahren“. Das sind Beschreibungen eines Arrangements, das niemand prüft. Die Einsamkeit, die darin entsteht, hat einen eigenen Namen: Marital Loneliness.

Das Rätsel besteht darin, dass beide leiden und keiner den Zustand ändert.

Warum keiner Schluss macht: die falsche Frage nach dem Mut

Die übliche Deutung des Bleibens heißt Feigheit. Wer keinen Schlussstrich zieht, hat angeblich nicht den Mut zur Trennung. Diese Frage geht von einem Entschluss aus, den jemand aufschiebt. In der toten Ehe fehlt dieser Entschluss, weil beide längst entschieden haben, ohne es zu wissen: für ein Leben, in dem sich nichts mehr bewegt.

Ergiebiger ist die Frage, was dieses Arrangement ermöglicht. Eine Ehe ohne Intimität schützt vor Nähe. Eine Ehe ohne Streit schützt vor Wut, die beide aufeinander haben. Eine Ehe, in der keiner etwas verlangt, schützt vor jedem Wunsch, der keinen Namen hat. Was ferngehalten wird, unterscheidet sich von Paar zu Paar, und kein Außenstehender kann es benennen. Sicher ist nur, dass die Ruhe etwas kostet und etwas erspart.

Bleiben als Leistung

Das Bleiben ist eine Leistung beider Partner. Sie besteht darin, eine gemeinsame Abwehr aufrechtzuerhalten, Tag für Tag, ohne dass einer sie bemerkt. Dazu gehört Arbeit: Themen werden gemieden, Gespräche enden an derselben Stelle, Berührungen unterbleiben, Konflikte werden vertagt. Wer die tote Ehe als Nichtstun sieht, übersieht, wie viel Aufwand das verlangt. Eine verwandte Konstellation beschreibt der Text über Mankeeping.

Das Unglück bleibt dabei erträglich, weil es berechenbar ist. Es hat feste Zeiten und feste Szenen. Die Alternative, die Ehe zu beenden oder wirklich zu verändern, würde Unberechenbares freisetzen: Wut, Trauer, Scham, auch Begehren.

Freud sah das Muster schon

In Das ökonomische Problem des Masochismus (1924) beschreibt Freud Patienten, deren Neurose jedem Behandlungsversuch widersteht und verschwindet, wenn sie „… in das Elend einer unglücklichen Ehe geraten“ sind, ihr Vermögen verlieren oder schwer erkranken. Eine Form des Leidens ist dann durch eine andere abgelöst worden, und Freud schließt daraus: „es kam nur darauf an, ein gewisses Maß von Leiden festhalten zu können.“

Die unglückliche Ehe kommt bei Freud als Beispiel für ein Leiden vor, das ein anderes ersetzt. Sie kann als Ort dienen, an dem ein Mensch sein Maß an Unglück unterbringt. In der toten Ehe wird dieses Maß gemeinsam gehalten.

Lorenzers fauler Kompromiss

Alfred Lorenzer gibt dem Muster eine Form. In seiner Theorie entsteht ein Symptom, wenn ein Wunsch in einen Konflikt mit gesellschaftlichen Anforderungen gerät und seine Verbindung zur Sprache verliert. Lorenzer nennt das Desymbolisierung. Die Erfahrung wird nicht vergessen, sie bleibt leiblich und szenisch wirksam (König et al. 2020, 43). Der Impuls setzt sich trotzdem durch, aber verstümmelt: „Anstatt zur Befriedigung des ursprünglichen Impulses kommt es zur Ersatzbefriedigung in Formen, die sozial zugelassen sind“ (Lorenzer 1981a, 111, zitiert nach König et al. 2020, 56).

Zu dieser Ersatzbefriedigung gehört eine Sprachschablone, ein entleertes Wort, das sie rechtfertigt und beschönigt. Das Subjekt täuscht sich damit über sich selbst (König et al. 2020, 96). Aus Symptom und Sprachschablone entsteht die Einheit, die Lorenzer den faulen Kompromiss nennt: „Beim Symptom ist die Einheit ein fauler Kompromiß, der das Symptom sozial tolerabel und für das Individuum halbwegs erträglich macht“ (Lorenzer 1981a, 113, zitiert nach König et al. 2020, 96).

Lorenzer spricht an dieser Stelle vom Symptom. Dass die tote Ehe ein solches Gebilde ist, wäre eine mögliche Deutung dieses Textes. Sie liegt nahe, weil die Merkmale zusammenpassen. Das Arrangement ist sozial zugelassen, denn die Ehe gilt als Institution, die Schutz verdient. Es macht das Unglück tolerabel und halbwegs erträglich. Und es kommt mit Schablonen, die es erklären.

Die Sprachschablonen der Ehe

Die Sätze „der Kinder wegen“, „wir haben uns auseinandergelebt“ und „es ist nicht so schlimm“ gehören zu diesen Schablonen. Sie klingen vernünftig und lassen sich nicht widerlegen. Gerade darin liegt ihre Funktion: Sie beschreiben das Arrangement so, dass niemand etwas ändern muss. Der Satz „wir haben uns auseinandergelebt“ macht aus einem Geschehen, an dem beide beteiligt waren, einen Vorgang, der sich von selbst ereignet hat.

Dazu passt Lorenzers Beschreibung des Klischees als desymbolisierter Interaktionsform: Verhalten ohne Bewusstsein, das sich „hinter dem Rücken des Individuums“ durchsetzt und einem Wiederholungszwang folgt (König et al. 2020, 44). Die Szene am Abendbrottisch, in der niemand etwas sagt, wiederholt sich seit Jahren. Beide kennen ihren Ablauf und keiner kennt ihren Sinn.

Der Körper hält mit

Was keine Sprache findet, bleibt leiblich wirksam. In solchen Ehen kann der Körper sprechen: Rücken, Magen, Schlaf, Kopf. Die Psychosomatik nennt das Somatisierung, die Medizin führt anhaltende Beschwerden ohne ausreichende körperliche Ursache unter somatoformen Störungen. Aus einem Symptom folgt keine Absicht. Ein Rückenleiden beweist keine verborgene Trennungsabsicht, und kein körperliches Symptom ist der heimliche Beschluss, die Ehe zu beenden. Es sagt über die Ehe nichts, solange niemand die Szene kennt, in der es auftritt.

Der Körper fängt den Zustand auf, den die Sprache nicht fasst. Die tote Ehe hat für diese Beschwerden keine Schablone, und so bleibt ihr Sinn unbenannt.

Geh oder arbeite an euch

Die Ratgeberliteratur kennt zwei Befehle. Der eine heißt: Geh. Das Unglück sei Beweis genug, bleiben sei Selbstverrat. Wie eine Trennung verarbeitet wird, behandelt der Post „Trennung überwinden”. Der andere heißt: Arbeitet an der Beziehung. Mit Paargesprächen, Kommunikationsübungen und Wochenendseminaren lasse sich retten, was verloren scheint. Beide Befehle sehen in der toten Ehe ein Problem, das ein Entschluss lösen soll. Listen mit Anzeichen für eine kaputte Beziehung bedienen denselben Blick.

In dieser Argumentation verfehlen beide die Funktion des Stillstands. Wer rät, zu gehen, nimmt der Abwehr das Gerüst, ohne zu fragen, was sie abwehrt. Das Etikett „Vermeider“, das dabei schnell zur Hand ist, beendet jedes Nachdenken. Wer rät, zu arbeiten, liefert eine weitere Sprachschablone, „Kommunikationsproblem“, und die tote Ehe nimmt sie dankbar auf. Sie erklärt das Unglück, ohne die Szene anzurühren. Beide Ratschläge haben recht, was die Not betrifft, und beide missverstehen, wozu das Arrangement dient.

Die Ehe, die keiner beendet, ist eine Lösung, die beide gefunden haben. Sie kostet viel und leistet etwas. Wer sie nur als Versäumnis liest, hat den Preis gesehen und die Leistung übersehen.

Das Wichtigste in Kürze

•            Eine tote Ehe besteht fort, wenn das Bleiben eine gemeinsame Abwehr aufrechterhält. Das Unglück bleibt berechenbar, und Unberechenbares wird ferngehalten.

•            Freud beschreibt 1924, dass ein Leiden durch ein anderes abgelöst werden kann, darunter das Elend einer unglücklichen Ehe: Es kam darauf an, ein gewisses Maß an Leiden festzuhalten.

•            Lorenzer nennt die Einheit von Symptom und Sprachschablone den faulen Kompromiss: sozial tolerabel und halbwegs erträglich. Die Übertragung auf die Ehe ist eine Deutung.

•            Sätze wie „der Kinder wegen“ und „wir haben uns auseinandergelebt“ wirken als Sprachschablonen: Sie rechtfertigen das Arrangement.

•            Körperliche Beschwerden können zum Bild gehören und beweisen keine verdeckte Trennungsabsicht.

•            Die Ratschläge „Geh“ und „Arbeitet an euch“ verfehlen beide die Funktion des Stillstands.

Quellen

·        Freud, S. (1924): Das ökonomische Problem des Masochismus. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 10, 121–133. Textfassung: textlog.de

·        König, H.-D., König, J., Lohl, J. u. a. (2020): Alfred Lorenzer zur Einführung. Psychoanalyse, Sozialisationstheorie und Tiefenhermeneutik. Stuttgart: UTB.

·        Lorenzer, A. (1981a): Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt. Zitiert nach König et al. (2020).


Verwandte Artikel

DESCRIPTION: Viele Ehen sind längst leer, und trotzdem macht keiner der Partner Schluss. Mit Freud und Lorenzers faulem Kompromiss: Warum das Bleiben eine gemeinsame Leistung ist und was der Ratschlag „Geh oder arbeite an euch“ übersieht.

Die Ehe, die keiner beendet

Manche Ehen sind seit Jahren tot und werden trotzdem nicht beendet. Beide wissen es, beide sprechen es nicht aus, und die Umgebung nennt das Paar stabil. Das Bleiben ist eine gemeinsame Leistung: Es hält etwas fern, das für beide schlimmer wäre als das Unglück. Freud hat das Muster 1924 beschrieben, Alfred Lorenzer nennt die Form dahinter den faulen Kompromiss.

Beziehung am Ende, aber keiner macht Schluss

Im Ehestreit wird verhandelt, gedroht, gelitten und manchmal gegangen. Die tote Ehe verläuft ruhig. Man teilt Wohnung, Kalender und Urlaube, spricht über Termine und Kinder, schläft nebeneinander oder in getrennten Zimmern und hat sich seit Jahren nichts Wesentliches mehr gesagt. Auf die Frage, warum man zusammenbleibt, kommen Antworten wie „der Kinder wegen“, „wir haben uns auseinandergelebt“, „so ist das eben nach zwanzig Jahren“. Das sind Beschreibungen eines Arrangements, das niemand prüft. Die Einsamkeit, die darin entsteht, hat einen eigenen Namen: Marital Loneliness.

Das Rätsel besteht darin, dass beide leiden und keiner den Zustand ändert.

Warum keiner Schluss macht: die falsche Frage nach dem Mut

Die übliche Deutung des Bleibens heißt Feigheit. Wer keinen Schlussstrich zieht, hat angeblich nicht den Mut zur Trennung. Diese Frage geht von einem Entschluss aus, den jemand aufschiebt. In der toten Ehe fehlt dieser Entschluss, weil beide längst entschieden haben, ohne es zu wissen: für ein Leben, in dem sich nichts mehr bewegt.

Ergiebiger ist die Frage, was dieses Arrangement ermöglicht. Eine Ehe ohne Intimität schützt vor Nähe. Eine Ehe ohne Streit schützt vor Wut, die beide aufeinander haben. Eine Ehe, in der keiner etwas verlangt, schützt vor jedem Wunsch, der keinen Namen hat. Was ferngehalten wird, unterscheidet sich von Paar zu Paar, und kein Außenstehender kann es benennen. Sicher ist nur, dass die Ruhe etwas kostet und etwas erspart.

Bleiben als Leistung

Das Bleiben ist eine Leistung beider Partner. Sie besteht darin, eine gemeinsame Abwehr aufrechtzuerhalten, Tag für Tag, ohne dass einer sie bemerkt. Dazu gehört Arbeit: Themen werden gemieden, Gespräche enden an derselben Stelle, Berührungen unterbleiben, Konflikte werden vertagt. Wer die tote Ehe als Nichtstun sieht, übersieht, wie viel Aufwand das verlangt. Eine verwandte Konstellation beschreibt der Text über Mankeeping.

Das Unglück bleibt dabei erträglich, weil es berechenbar ist. Es hat feste Zeiten und feste Szenen. Die Alternative, die Ehe zu beenden oder wirklich zu verändern, würde Unberechenbares freisetzen: Wut, Trauer, Scham, auch Begehren.

Freud sah das Muster schon

In Das ökonomische Problem des Masochismus (1924) beschreibt Freud Patienten, deren Neurose jedem Behandlungsversuch widersteht und verschwindet, wenn sie „… in das Elend einer unglücklichen Ehe geraten“ sind, ihr Vermögen verlieren oder schwer erkranken. Eine Form des Leidens ist dann durch eine andere abgelöst worden, und Freud schließt daraus: „es kam nur darauf an, ein gewisses Maß von Leiden festhalten zu können.“

Die unglückliche Ehe kommt bei Freud als Beispiel für ein Leiden vor, das ein anderes ersetzt. Sie kann als Ort dienen, an dem ein Mensch sein Maß an Unglück unterbringt. In der toten Ehe wird dieses Maß gemeinsam gehalten.

Lorenzers fauler Kompromiss

Alfred Lorenzer gibt dem Muster eine Form. In seiner Theorie entsteht ein Symptom, wenn ein Wunsch in einen Konflikt mit gesellschaftlichen Anforderungen gerät und seine Verbindung zur Sprache verliert. Lorenzer nennt das Desymbolisierung. Die Erfahrung wird nicht vergessen, sie bleibt leiblich und szenisch wirksam (König et al. 2020, 43). Der Impuls setzt sich trotzdem durch, aber verstümmelt: „Anstatt zur Befriedigung des ursprünglichen Impulses kommt es zur Ersatzbefriedigung in Formen, die sozial zugelassen sind“ (Lorenzer 1981a, 111, zitiert nach König et al. 2020, 56).

Zu dieser Ersatzbefriedigung gehört eine Sprachschablone, ein entleertes Wort, das sie rechtfertigt und beschönigt. Das Subjekt täuscht sich damit über sich selbst (König et al. 2020, 96). Aus Symptom und Sprachschablone entsteht die Einheit, die Lorenzer den faulen Kompromiss nennt: „Beim Symptom ist die Einheit ein fauler Kompromiß, der das Symptom sozial tolerabel und für das Individuum halbwegs erträglich macht“ (Lorenzer 1981a, 113, zitiert nach König et al. 2020, 96).

Lorenzer spricht an dieser Stelle vom Symptom. Dass die tote Ehe ein solches Gebilde ist, wäre eine mögliche Deutung dieses Textes. Sie liegt nahe, weil die Merkmale zusammenpassen. Das Arrangement ist sozial zugelassen, denn die Ehe gilt als Institution, die Schutz verdient. Es macht das Unglück tolerabel und halbwegs erträglich. Und es kommt mit Schablonen, die es erklären.

Die Sprachschablonen der Ehe

Die Sätze „der Kinder wegen“, „wir haben uns auseinandergelebt“ und „es ist nicht so schlimm“ gehören zu diesen Schablonen. Sie klingen vernünftig und lassen sich nicht widerlegen. Gerade darin liegt ihre Funktion: Sie beschreiben das Arrangement so, dass niemand etwas ändern muss. Der Satz „wir haben uns auseinandergelebt“ macht aus einem Geschehen, an dem beide beteiligt waren, einen Vorgang, der sich von selbst ereignet hat.

Dazu passt Lorenzers Beschreibung des Klischees als desymbolisierter Interaktionsform: Verhalten ohne Bewusstsein, das sich „hinter dem Rücken des Individuums“ durchsetzt und einem Wiederholungszwang folgt (König et al. 2020, 44). Die Szene am Abendbrottisch, in der niemand etwas sagt, wiederholt sich seit Jahren. Beide kennen ihren Ablauf und keiner kennt ihren Sinn.

Der Körper hält mit

Was keine Sprache findet, bleibt leiblich wirksam. In solchen Ehen kann der Körper sprechen: Rücken, Magen, Schlaf, Kopf. Die Psychosomatik nennt das Somatisierung, die Medizin führt anhaltende Beschwerden ohne ausreichende körperliche Ursache unter somatoformen Störungen. Aus einem Symptom folgt keine Absicht. Ein Rückenleiden beweist keine verborgene Trennungsabsicht, und kein körperliches Symptom ist der heimliche Beschluss, die Ehe zu beenden. Es sagt über die Ehe nichts, solange niemand die Szene kennt, in der es auftritt.

Der Körper fängt den Zustand auf, den die Sprache nicht fasst. Die tote Ehe hat für diese Beschwerden keine Schablone, und so bleibt ihr Sinn unbenannt.

Geh oder arbeite an euch

Die Ratgeberliteratur kennt zwei Befehle. Der eine heißt: Geh. Das Unglück sei Beweis genug, bleiben sei Selbstverrat. Wie eine Trennung verarbeitet wird, behandelt der Post „Trennung überwinden”. Der andere heißt: Arbeitet an der Beziehung. Mit Paargesprächen, Kommunikationsübungen und Wochenendseminaren lasse sich retten, was verloren scheint. Beide Befehle sehen in der toten Ehe ein Problem, das ein Entschluss lösen soll. Listen mit Anzeichen für eine kaputte Beziehung bedienen denselben Blick.

In dieser Argumentation verfehlen beide die Funktion des Stillstands. Wer rät, zu gehen, nimmt der Abwehr das Gerüst, ohne zu fragen, was sie abwehrt. Das Etikett „Vermeider“, das dabei schnell zur Hand ist, beendet jedes Nachdenken. Wer rät, zu arbeiten, liefert eine weitere Sprachschablone, „Kommunikationsproblem“, und die tote Ehe nimmt sie dankbar auf. Sie erklärt das Unglück, ohne die Szene anzurühren. Beide Ratschläge haben recht, was die Not betrifft, und beide missverstehen, wozu das Arrangement dient.

Die Ehe, die keiner beendet, ist eine Lösung, die beide gefunden haben. Sie kostet viel und leistet etwas. Wer sie nur als Versäumnis liest, hat den Preis gesehen und die Leistung übersehen.

Das Wichtigste in Kürze

•            Eine tote Ehe besteht fort, wenn das Bleiben eine gemeinsame Abwehr aufrechterhält. Das Unglück bleibt berechenbar, und Unberechenbares wird ferngehalten.

•            Freud beschreibt 1924, dass ein Leiden durch ein anderes abgelöst werden kann, darunter das Elend einer unglücklichen Ehe: Es kam darauf an, ein gewisses Maß an Leiden festzuhalten.

•            Lorenzer nennt die Einheit von Symptom und Sprachschablone den faulen Kompromiss: sozial tolerabel und halbwegs erträglich. Die Übertragung auf die Ehe ist eine Deutung.

•            Sätze wie „der Kinder wegen“ und „wir haben uns auseinandergelebt“ wirken als Sprachschablonen: Sie rechtfertigen das Arrangement.

•            Körperliche Beschwerden können zum Bild gehören und beweisen keine verdeckte Trennungsabsicht.

•            Die Ratschläge „Geh“ und „Arbeitet an euch“ verfehlen beide die Funktion des Stillstands.

Quellen

·        Freud, S. (1924): Das ökonomische Problem des Masochismus. Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse, 10, 121–133. Textfassung: textlog.de

·        König, H.-D., König, J., Lohl, J. u. a. (2020): Alfred Lorenzer zur Einführung. Psychoanalyse, Sozialisationstheorie und Tiefenhermeneutik. Stuttgart: UTB.

·        Lorenzer, A. (1981a): Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Frankfurt am Main: Europäische Verlagsanstalt. Zitiert nach König et al. (2020).


Verwandte Artikel

Newsletter

Möchten Sie informiert werden, wenn ich einen neuen Blogbeitrag veröffentliche? Tragen Sie sich gern hier ein.

Klicken Sie auf „Kostenlos abonnieren“, wenn Sie meine Datenschutzerklärung gelesen und akzeptiert haben. Ihre Einwilligung können Sie jederzeit widerrufen.

Newsletter

Möchten Sie informiert werden, wenn ich einen neuen Blogbeitrag veröffentliche? Tragen Sie sich gern hier ein.

Klicken Sie auf „Kostenlos abonnieren“, wenn Sie meine Datenschutzerklärung gelesen und akzeptiert haben. Ihre Einwilligung können Sie jederzeit widerrufen.

Anfahrt & Öffnungszeiten

Close-up portrait of dr. stemper
Close-up portrait of a dog

Psychologie Berlin

c./o. AVATARAS Institut

Kalckreuthstr. 16 – 10777 Berlin

virtuelles Festnetz: +49 30 26323366

E-Mail: info@praxis-psychologie-berlin.de

Montag

11:00-19:00

Dienstag

11:00-19:00

Mittwoch

11:00-19:00

Donnerstag

11:00-19:00

Freitag

11:00-19:00

a colorful map, drawing

Google Maps-Karte laden:

Durch Klicken auf diesen Schutzschirm stimmen Sie dem Laden der Google Maps-Karte zu. Dabei werden Daten an Google übertragen und Cookies gesetzt. Google kann diese Informationen zur Personalisierung von Inhalten und Werbung nutzen.

Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Klicken Sie hier, um die Karte zu laden und Ihre Zustimmung zu erteilen.

Dr. Stemper

©

2026

Dr. Dirk Stemper

Dienstag, 3.11.2026

a green flower
an orange flower
a blue flower

Anfahrt & Öffnungszeiten

Close-up portrait of dr. stemper
Close-up portrait of a dog

Psychologie Berlin

c./o. AVATARAS Institut

Kalckreuthstr. 16 – 10777 Berlin

virtuelles Festnetz: +49 30 26323366

E-Mail: info@praxis-psychologie-berlin.de

Montag

11:00-19:00

Dienstag

11:00-19:00

Mittwoch

11:00-19:00

Donnerstag

11:00-19:00

Freitag

11:00-19:00

a colorful map, drawing

Google Maps-Karte laden:

Durch Klicken auf diesen Schutzschirm stimmen Sie dem Laden der Google Maps-Karte zu. Dabei werden Daten an Google übertragen und Cookies gesetzt. Google kann diese Informationen zur Personalisierung von Inhalten und Werbung nutzen.

Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Klicken Sie hier, um die Karte zu laden und Ihre Zustimmung zu erteilen.

Dr. Stemper

©

2026

Dr. Dirk Stemper

Dienstag, 3.11.2026

Webdesign & - Konzeption:

a green flower
an orange flower
a blue flower

Anfahrt & Öffnungszeiten

Close-up portrait of dr. stemper
Close-up portrait of a dog

Psychologie Berlin

c./o. AVATARAS Institut

Kalckreuthstr. 16 – 10777 Berlin

virtuelles Festnetz: +49 30 26323366

E-Mail: info@praxis-psychologie-berlin.de

Montag

11:00-19:00

Dienstag

11:00-19:00

Mittwoch

11:00-19:00

Donnerstag

11:00-19:00

Freitag

11:00-19:00

a colorful map, drawing

Google Maps-Karte laden:

Durch Klicken auf diesen Schutzschirm stimmen Sie dem Laden der Google Maps-Karte zu. Dabei werden Daten an Google übertragen und Cookies gesetzt. Google kann diese Informationen zur Personalisierung von Inhalten und Werbung nutzen.

Weitere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Klicken Sie hier, um die Karte zu laden und Ihre Zustimmung zu erteilen.

Dr. Stemper

©

2026

Dr. Dirk Stemper

Dienstag, 3.11.2026

a green flower
an orange flower
a blue flower