Corporate Bullshit und die Leistungsgesellschaft: Wenn Unternehmen mehr inszenieren als kommunizieren
Corporate Bullshit und die Leistungsgesellschaft: Wenn Unternehmen mehr inszenieren als kommunizieren
Corporate Bullshit und die Leistungsgesellschaft
Veröffentlicht am:
17.03.2026

DESCRIPTION:
Corporate Bullshit entsteht nicht trotz der Leistungsgesellschaft, sondern durch sie. Eine psychologische und philosophische Analyse, warum Unternehmen immer mehr reden und immer weniger sagen.
Corporate Bullshit: Warum leere Unternehmenssprache mehr als ein Stilproblem ist
Im Jahr 2014 entließ ein leitender Vizepräsident der Microsoft Devices Group 12.500 Mitarbeitende: per E-Mail. Die Nachricht erlangte nicht wegen der schieren Zahl virale Aufmerksamkeit, sondern wegen ihrer Sprache. „Our device strategy must reflect Microsoft's strategy and must be accomplished within an appropriate financial envelope“: eine Passage, die international als „die schlimmste E-Mail aller Zeiten“ zitiert wurde. Keine klare Botschaft. Keine menschliche Ansprache. Nur Buzzwords, die nichts sagten und dennoch das Ende der Beschäftigung im Unternehmen bedeuteten.
Dieses Phänomen hat inzwischen einen wissenschaftlich anerkannten Namen: Corporate Bullshit. Neue Forschung zeigt, dass es weitaus folgenreicher ist, als Unternehmen wahrhaben wollen, und es sich lohnt, es nicht nur als Kommunikationsproblem, sondern als gesellschaftliches und politisches Symptom zu betrachten.
Was ist Corporate Bullshit und warum ist es mehr als schlechter Stil?
Der Kognitionspsychologe Shane Littrell von der Cornell University hat Corporate Bullshit systematisch untersucht; die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Personality and Individual Differences veröffentlicht. Seine Definition ist präzise: Corporate Bullshit ist ein spezifischer Kommunikationsstil, der abstrakte Buzzwords funktional irreführend einsetzt.
Entscheidend ist dabei die Abgrenzung gegenüber technischem Fachjargon. Fachsprache schließt Außenstehende zwar aus, transportiert aber innerhalb einer Expertengruppe reale Information. Corporate Bullshit tut dies nicht. Er klingt bedeutsam, sagt aber wenig. Er simuliert Kompetenz, ohne sie zu besitzen. Der Unterschied ist nicht graduell, sondern strukturell: Fachjargon kommuniziert, Bullshit stellt dar.
Für die Psychologie ist diese Unterscheidung notwendig, weil sie erklärt, warum Corporate Bullshit nicht einfach schlechtem Schreiben entspricht. Es handelt sich um einen aktiven Eingriff in die kognitive Orientierung von Menschen: mit messbaren Konsequenzen für Leistung, Vertrauen und psychische Gesundheit.
Die organisationale Ökologie des Bullshits
Littrells Forschung zeigt, dass Unternehmen strukturell anfällig für Bullshit-Kommunikation sind. Mehrere Bedingungen begünstigen sie:
Beschönigendes Performance-Feedback ersetzt direkte Aussagen durch vage Formulierungen, die sowohl Lob als auch Kritik bedeuten könnten. Wer „Sie bringen sich noch nicht vollständig ein“ zu hören bekommt, weiß nicht, ob eine Kündigung droht oder lediglich eine Ermutigung gemeint ist.
Gruppenformate, die Unwissenheit ermutigen, produzieren Bullshit als soziale Schutzstrategie. Wer in einem Meeting keine Antwort kennt, greift zu abstrakten Formulierungen und signalisiert damit paradoxerweise Zugehörigkeit zur Gruppe der Kompetenten.
Ambitionierte Mission-Statements sind als Regel, meist mit Absicht, so allgemein gehalten, dass sie niemanden festlegen. Sie klingen nach Orientierung, liefern aber keine.
Der Wunsch, Zuversicht auszustrahlen, ist vielleicht der stärkste Treiber. In Unternehmen unter Druck erzeugt Klarheit Angreifbarkeit. Wer präzise kommuniziert, lässt sich an seinen Worten messen. Bullshit schützt.
Das Falsche Selbst der Organisation
Aus psychodynamischer Perspektive lässt sich Corporate Bullshit als kollektives False Self im Sinne Donald Winnicotts betrachten. Winnicott beschrieb das False Self als eine Schutzstruktur, die entsteht, wenn das authentische Erleben und Ausdrücken des Selbst in der frühen Entwicklung nicht ausreichend gespiegelt werden. Der Mensch lernt, eine Fassade zu präsentieren, die den Erwartungen der Umwelt entspricht – auf Kosten des Kontakts mit der eigenen Wirklichkeit.
Übertragen auf Unternehmen: Corporate Bullshit ist die institutionalisierte Fassade. Er entsteht dort, wo ehrliche Kommunikation als zu riskant gilt: zu direkt, zu verletzlich, zu präzise im Eingestehen von Unsicherheit. Das Unternehmen kommuniziert nicht, was es weiß, denkt oder fühlt, sondern das, was von ihm erwartet wird, zu klingen.
Das ist nicht harmlos. Eine Organisation im kollektiven False Self verliert schrittweise den Kontakt zu ihrer eigenen Realität. Entscheidungen werden in einer Sprache getroffen, die mit der tatsächlichen Lage wenig zu tun hat. Das Bild, das das Unternehmen von sich entwirft, und die Realität, in der es operiert, treiben auseinander.
Was Corporate-Bullshit mit Mitarbeitenden macht
Littrells Forschung dokumentiert eine beunruhigende Beziehung zwischen der Verbreitung von Corporate Bullshit in Unternehmen und der Leistung ihrer Mitarbeiter. Das ist aus psychologischer Sicht wenig überraschend, wenn man versteht, wie Sprache kognitive Orientierung stiftet.
Menschen benötigen verständliche, präzise Kommunikation, um sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Wenn die Sprache eines Unternehmens zunehmend unklar wird, entsteht ein permanenter Zustand kognitiver Mehrdeutigkeit. Das Gehirn versucht, Bedeutung dort zu extrahieren, wo keine kodiert wurde: ein ressourcenintensiver Prozess, der auf Kosten anderer kognitiver Leistungen geht.
Hinzu kommt das, was in der Forschung als Vertrauenserosion bezeichnet wird. Corporate Bullshit signalisiert dem Empfänger, unabhängig vom bewussten Erleben: Hier wird nicht kommuniziert, sondern inszeniert. Dieser Eindruck führt im Laufe der Zeit zu einer Erosion des institutionellen Vertrauens, die sich in Zynismus, innerer Kündigung und schließlich in tatsächlichem Absentismus manifestiert. Wenig in der Arbeitspsychologie ist so folgenreich wie der Verlust dieser Grundlage.
Byung-Chul Han: Corporate Bullshit als Symptom der Leistungsgesellschaft
Kein zeitgenössischer Denker hat die kulturelle Logik, aus der Corporate Bullshit hervorgeht, schärfer analysiert als der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Seine Werkzeuge sind für das Verständnis dieses Phänomens außergewöhnlich präzise: Gerade weil er nicht die Unternehmenskommunikation im engeren Sinne untersucht, sondern die gesellschaftliche Tiefenstruktur, die sie erst ermöglicht.
In Die Transparenzgesellschaft beschreibt, dass eine Gesellschaft alles in positiver Evidenz ausdrücken muss: Alles soll sichtbar, messbar, kommunizierbar sein. Das klingt nach dem Gegenteil von Bullshit – und ist doch dessen Voraussetzung. Denn die Forderung nach permanenter Sichtbarkeit erzwingt eine Sprache der Positivität, die keine Negativität mehr zulässt: keine Unsicherheit, kein Eingestehen von Grenzen, keine ehrliche Beschreibung von Scheitern. Corporate Bullshit ist die Sprache, die entsteht, wenn Positivität Pflicht wird und Klarheit riskant ist. Er ist nicht das Gegenteil von Transparenz: Er ist ihre perverse Erfüllung: ständige Kommunikation, null Gehalt.
In Psychopolitik geht Han einen Schritt weiter. Die Macht im Neoliberalismus, so seine These, funktioniert nicht mehr vorwiegend durch Zwang, sondern durch Optimierung. Das Subjekt wird nicht mehr befohlen: Es wird animiert. „Ja, du kannst!“ ersetzt „Du musst!“. Diese smarte Macht braucht eine Sprache, die Freiheit simuliert, während sie Konformität erzeugt. Corporate Bullshit ist das sprachliche Instrumentarium dieser Macht: Die Mitarbeitenden werden nicht angewiesen, sondern „empowert“. Sie werden nicht kontrolliert, sondern „aligned“. Sie scheitern nicht: sie „lernen noch“. Das Subjekt internalisiert die Leistungsanforderung und hält die Sprache ihrer Verpackung für authentisch.
Besonders aufschlussreich ist Müdigkeitsgesellschaft. Er beschreibt dort das erschöpfte Subjekt der Leistungsgesellschaft: einen Menschen, der nicht von äußerem Zwang niedergedrückt wird, sondern an der permanenten Selbstüberforderung zerbricht. Das Tückische an Corporate Bullshit in diesem Kontext ist, dass er die Erschöpfung unsichtbar macht. Wer „noch nicht das volle Potenzial entfaltet“, ist nicht krank: Er ist eine Baustelle. Wer „an einem persönlichen Wachstumsprozess arbeitet“, ist nicht am Limit: Er ist auf dem Weg. Die Sprache des Corporate Bullshits pathologisiert nicht, sie euphemisiert. Und genau damit verhindert sie, dass das erschöpfte Subjekt seine eigene Lage zutreffend beschreiben und damit verändern kann.
In Im Schwarm schließlich analysiert Han die digitale Öffentlichkeit als einen Raum, in dem Resonanz die Wahrheit ersetzt: Was viel geteilt wird, gilt als wahr; was positiv klingt, gilt als gut. Auch hier zeigt sich die strukturelle Verwandtschaft mit Corporate Bullshit. Unternehmensnachrichten, die viral gehen, tun dies nicht, weil sie präzise sind, sondern weil sie resonanzfähig sind: weil sie das sagen, was gehört werden will. Die Sprache optimiert sich auf Applaus, nicht auf Gehalt.
Was Han insgesamt sichtbar macht: Corporate Bullshit ist kein Fehler im System, sondern ein Merkmal seiner Logik. Er entsteht nicht trotz der Leistungsgesellschaft, sondern durch sie: als notwendige Sprachform einer Gesellschaft, die Positivität, Optimierung und Sichtbarkeit als höchste Werte setzt und dafür die Fähigkeit zur negativen Dialektik, zur ehrlichen Beschreibung von Wirklichkeit, systematisch abbaut.
Ein gesellschaftliches und politisches Phänomen
Es wäre ein Fehler, Corporate Bullshit auf den betrieblichen Kontext zu beschränken. In gesellschaftlicher Hinsicht ist er ein Symptom einer spezifischen Form der Sprachpolitik, die weit über Unternehmensgrenzen hinausreicht.
Politische Kommunikation operiert oftmals nach denselben Regeln: abstrakte Ziele, die niemanden festlegen, Formulierungen, die gesellschaftlichen Konsens simulieren, ohne ihn herzustellen, und eine Sprache, die Realität nicht abbildet, sondern verwaltet. Das ist politisch nicht nur ärgerlich, sondern auch erosiv: Gesellschaftliches Vertrauen in Institutionen setzt voraus, dass deren Sprache wirklich etwas kommuniziert.
Angesichts dieser gesellschaftlichen Dimension ist es notwendig zu verstehen, wie Corporate Bullshit normiert wird. In deutschen Unternehmen zeigt sich ein besonderes Muster: Deutsche Führungskräfte übernehmen englischsprachige Buzzwords nicht selten als Prestigeform, ohne deren Bedeutung im neuen Kontext zu überprüfen. Der Aufstieg von „Synergien“, „agilem Mindset“ und „purpose-driven leadership“ in der deutschen Unternehmenssprache ist keine bloße Übernahme von Fachbegriffen, sondern oft eine Form gesellschaftlicher Statusperformance. Auch das ist eine Form von Corporate Bullshit: mit einem gesellschaftlich spezifischen deutschen Subtext.
Bullshit als Machtstrategie
Es wäre naiv, Corporate Bullshit ausschließlich als Dysfunktion zu betrachten. Er erfüllt auch strategische Funktionen, die für den Machterhalt in Unternehmen bedeutsam sind.
Präzise Sprache schafft Verbindlichkeit. Wer klar sagt, was gemeint ist, kann daran gemessen werden. Wer in Bullshit kommuniziert, entzieht sich dieser Messbarkeit. Das Abstraktionsniveau schützt vor Rechenschaft.
Gleichzeitig erzeugt Bullshit eine spezifische Asymmetrie: Wer ihn souverän produzieren kann, signalisiert Zugehörigkeit zur Führungsebene; wer ihn nicht versteht oder sich über ihn beschwert, riskiert, als „nicht strategisch denkend“ zu gelten. Die Fähigkeit, Bullshit unhinterfragt zu rezipieren und weiterzuproduzieren, wird zur impliziten Regel mancher Unternehmenskulturen.
Dieser Mechanismus erinnert an das, was der Soziologe Randall Collins als Interaktionsritual beschrieben hat: Geteilte Formen des Ausdrucks erzeugen emotionale Energie und Gruppensolidarität – auch dann, wenn der Inhalt bedeutungslos ist. Corporate Bullshit kann also ein hochfunktionaler Kohäsionsmechanismus sein. Das macht ihn nicht weniger schädlich; es erklärt jedoch, warum er so persistent ist.
Wann wird Bullshit klinisch relevant?
Für die therapeutische Praxis relevant wird Corporate Bullshit dann, wenn er zum Faktor in der Entstehung oder Aufrechterhaltung psychischer Beschwerden wird. Einige Konstellationen verdienen besondere Aufmerksamkeit:
Gaslighting durch institutionellen Bullshit: Wenn eine Person ihre eigene Wahrnehmung einer Situation für zuverlässiger hält als die offizielle Beschreibung – und diese Diskrepanz oft erlebt –, entsteht ein spezifischer Stress, der dem interpersonellen Gaslighting ähnelt. Der betroffene Mensch zweifelt an der eigenen Realitätswahrnehmung, weil die organisationale Sprache eine andere Realität konstruiert.
Burnout durch kognitive Überlastung: Die permanente Notwendigkeit, Bullshit zu übersetzen, zu interpretieren und navigierbar zu machen, ist erschöpfend. In Kombination mit anderen Belastungsfaktoren kann sie zum Auslöser oder zur Aufrechterhaltungsbedingung eines Burnouts werden.
Anpassungsstörungen bei Menschen mit hoher Authentizitätsorientierung: Personen mit ausgeprägtem Integritätsbedürfnis: darunter überproportional viele neurodivergente Menschen: erleben Corporate Bullshit als besonders dysregulierend. Die Anforderung, eine Sprache zu sprechen, die nicht dem eigenen Erleben entspricht, ist für sie keine soziale Anpassungsleistung, sondern eine fundamentale Selbstentfremdung.
Was Klarheit wirklich bedeutet
Littrells Forschung liefert ein wichtiges Gegenargument zu der verbreiteten Annahme, klare Kommunikation sei in komplexen Unternehmen nicht praktikabel. Der Unterschied zwischen Fachsprache und Corporate Bullshit zeigt: Komplexität und Klarheit schließen sich nicht aus. Fachsprache kann und soll komplex sein: sie muss nur tatsächlich etwas kommunizieren.
Unternehmen, die in Klarheit investieren, investieren in das Vertrauen ihrer Mitglieder. Sie signalisieren: Es ist notwendig und möglich, über Realität direkt zu sprechen. Das ist, psychologisch gesprochen, eine Form von Respekt und eine notwendige gesellschaftliche Grundbedingung für psychologische Sicherheit in der Arbeitswelt.
Die Microsoft-E-Mail von 2014 ist in diesem Sinne kein bloßes Kommunikationsversagen. Sie ist ein Dokument organisationaler Feigheit. Und sie hat das, was sie verschleiern wollte, nur umso sichtbarer gemacht.
FAQ: Corporate-Bullshit und Psychologie
Was ist Corporate Bullshit genau?
Corporate Bullshit bezeichnet eine Form der Unternehmenskommunikation, die abstrakte Buzzwords und vage Formulierungen einsetzt, ohne reale Informationen zu transportieren. Der Begriff wurde von Kognitionspsychologen wie Shane Littrell wissenschaftlich definiert und untersucht.
Wie unterscheidet sich Corporate Bullshit von Fachsprache?
Fachsprache kommuniziert präzise innerhalb einer Expertengruppe und hat echten Informationsgehalt. Corporate Bullshit hingegen simuliert nur Bedeutsamkeit und dient primär der Selbstdarstellung oder dem Schutz vor Verbindlichkeit. Diese Unterscheidung zu verstehen ist notwendig, um das Phänomen richtig einzuordnen.
Welche psychologischen Auswirkungen hat Corporate Bullshit auf Mitarbeitende?
Forschungsergebnisse zeigen negative Auswirkungen auf Leistung, Vertrauen und das allgemeine Wohlbefinden. Langfristig kann Bullshit-Kommunikation zu Zynismus, innerer Kündigung und im Extremfall zu Burnout beitragen.
Warum ist Corporate Bullshit in Unternehmen so verbreitet?
Bullshit-Kommunikation erfüllt organisationale Funktionen: Sie schützt vor Rechenschaft, signalisiert Zugehörigkeit zu Führungsschichten und folgt der gesellschaftlichen Regel, Zuversicht über Klarheit zu stellen. Diese Funktionalität erklärt ihre Persistenz trotz bekannter Schäden.
Ist Corporate Bullshit auch ein gesellschaftliches und politisches Problem?
Ja. Gesellschaftlich betrachtet operiert politische Kommunikation oft nach ähnlichen Regeln wie Corporate Bullshit: mit ähnlich erosiven Folgen für das institutionelle Vertrauen. In deutschen Kontexten zeigt sich zudem eine spezifische Form der Statusperformance durch englische Managementsprache.
Was hat Psychotherapie mit Corporate Bullshit zu tun?
In der therapeutischen Praxis begegnet das Thema häufig als Hintergrundbelastung. Für den Menschen, der in einem Bullshit-geprägten Arbeitskontext funktionieren soll, ist das Benennen des Phänomens oft therapeutisch entlastend: weil es die eigene Wahrnehmung validiert und den erlebten Stress als nachvollziehbar einordnet.
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Dieses Phänomen hat inzwischen einen wissenschaftlich anerkannten Namen: Corporate Bullshit. Neue Forschung zeigt, dass es weitaus folgenreicher ist, als Unternehmen wahrhaben wollen, und es sich lohnt, es nicht nur als Kommunikationsproblem, sondern als gesellschaftliches und politisches Symptom zu betrachten.
Was ist Corporate Bullshit und warum ist es mehr als schlechter Stil?
Der Kognitionspsychologe Shane Littrell von der Cornell University hat Corporate Bullshit systematisch untersucht; die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Personality and Individual Differences veröffentlicht. Seine Definition ist präzise: Corporate Bullshit ist ein spezifischer Kommunikationsstil, der abstrakte Buzzwords funktional irreführend einsetzt.
Entscheidend ist dabei die Abgrenzung gegenüber technischem Fachjargon. Fachsprache schließt Außenstehende zwar aus, transportiert aber innerhalb einer Expertengruppe reale Information. Corporate Bullshit tut dies nicht. Er klingt bedeutsam, sagt aber wenig. Er simuliert Kompetenz, ohne sie zu besitzen. Der Unterschied ist nicht graduell, sondern strukturell: Fachjargon kommuniziert, Bullshit stellt dar.
Für die Psychologie ist diese Unterscheidung notwendig, weil sie erklärt, warum Corporate Bullshit nicht einfach schlechtem Schreiben entspricht. Es handelt sich um einen aktiven Eingriff in die kognitive Orientierung von Menschen: mit messbaren Konsequenzen für Leistung, Vertrauen und psychische Gesundheit.
Die organisationale Ökologie des Bullshits
Littrells Forschung zeigt, dass Unternehmen strukturell anfällig für Bullshit-Kommunikation sind. Mehrere Bedingungen begünstigen sie:
Beschönigendes Performance-Feedback ersetzt direkte Aussagen durch vage Formulierungen, die sowohl Lob als auch Kritik bedeuten könnten. Wer „Sie bringen sich noch nicht vollständig ein“ zu hören bekommt, weiß nicht, ob eine Kündigung droht oder lediglich eine Ermutigung gemeint ist.
Gruppenformate, die Unwissenheit ermutigen, produzieren Bullshit als soziale Schutzstrategie. Wer in einem Meeting keine Antwort kennt, greift zu abstrakten Formulierungen und signalisiert damit paradoxerweise Zugehörigkeit zur Gruppe der Kompetenten.
Ambitionierte Mission-Statements sind als Regel, meist mit Absicht, so allgemein gehalten, dass sie niemanden festlegen. Sie klingen nach Orientierung, liefern aber keine.
Der Wunsch, Zuversicht auszustrahlen, ist vielleicht der stärkste Treiber. In Unternehmen unter Druck erzeugt Klarheit Angreifbarkeit. Wer präzise kommuniziert, lässt sich an seinen Worten messen. Bullshit schützt.
Das Falsche Selbst der Organisation
Aus psychodynamischer Perspektive lässt sich Corporate Bullshit als kollektives False Self im Sinne Donald Winnicotts betrachten. Winnicott beschrieb das False Self als eine Schutzstruktur, die entsteht, wenn das authentische Erleben und Ausdrücken des Selbst in der frühen Entwicklung nicht ausreichend gespiegelt werden. Der Mensch lernt, eine Fassade zu präsentieren, die den Erwartungen der Umwelt entspricht – auf Kosten des Kontakts mit der eigenen Wirklichkeit.
Übertragen auf Unternehmen: Corporate Bullshit ist die institutionalisierte Fassade. Er entsteht dort, wo ehrliche Kommunikation als zu riskant gilt: zu direkt, zu verletzlich, zu präzise im Eingestehen von Unsicherheit. Das Unternehmen kommuniziert nicht, was es weiß, denkt oder fühlt, sondern das, was von ihm erwartet wird, zu klingen.
Das ist nicht harmlos. Eine Organisation im kollektiven False Self verliert schrittweise den Kontakt zu ihrer eigenen Realität. Entscheidungen werden in einer Sprache getroffen, die mit der tatsächlichen Lage wenig zu tun hat. Das Bild, das das Unternehmen von sich entwirft, und die Realität, in der es operiert, treiben auseinander.
Was Corporate-Bullshit mit Mitarbeitenden macht
Littrells Forschung dokumentiert eine beunruhigende Beziehung zwischen der Verbreitung von Corporate Bullshit in Unternehmen und der Leistung ihrer Mitarbeiter. Das ist aus psychologischer Sicht wenig überraschend, wenn man versteht, wie Sprache kognitive Orientierung stiftet.
Menschen benötigen verständliche, präzise Kommunikation, um sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Wenn die Sprache eines Unternehmens zunehmend unklar wird, entsteht ein permanenter Zustand kognitiver Mehrdeutigkeit. Das Gehirn versucht, Bedeutung dort zu extrahieren, wo keine kodiert wurde: ein ressourcenintensiver Prozess, der auf Kosten anderer kognitiver Leistungen geht.
Hinzu kommt das, was in der Forschung als Vertrauenserosion bezeichnet wird. Corporate Bullshit signalisiert dem Empfänger, unabhängig vom bewussten Erleben: Hier wird nicht kommuniziert, sondern inszeniert. Dieser Eindruck führt im Laufe der Zeit zu einer Erosion des institutionellen Vertrauens, die sich in Zynismus, innerer Kündigung und schließlich in tatsächlichem Absentismus manifestiert. Wenig in der Arbeitspsychologie ist so folgenreich wie der Verlust dieser Grundlage.
Byung-Chul Han: Corporate Bullshit als Symptom der Leistungsgesellschaft
Kein zeitgenössischer Denker hat die kulturelle Logik, aus der Corporate Bullshit hervorgeht, schärfer analysiert als der koreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Seine Werkzeuge sind für das Verständnis dieses Phänomens außergewöhnlich präzise: Gerade weil er nicht die Unternehmenskommunikation im engeren Sinne untersucht, sondern die gesellschaftliche Tiefenstruktur, die sie erst ermöglicht.
In Die Transparenzgesellschaft beschreibt, dass eine Gesellschaft alles in positiver Evidenz ausdrücken muss: Alles soll sichtbar, messbar, kommunizierbar sein. Das klingt nach dem Gegenteil von Bullshit – und ist doch dessen Voraussetzung. Denn die Forderung nach permanenter Sichtbarkeit erzwingt eine Sprache der Positivität, die keine Negativität mehr zulässt: keine Unsicherheit, kein Eingestehen von Grenzen, keine ehrliche Beschreibung von Scheitern. Corporate Bullshit ist die Sprache, die entsteht, wenn Positivität Pflicht wird und Klarheit riskant ist. Er ist nicht das Gegenteil von Transparenz: Er ist ihre perverse Erfüllung: ständige Kommunikation, null Gehalt.
In Psychopolitik geht Han einen Schritt weiter. Die Macht im Neoliberalismus, so seine These, funktioniert nicht mehr vorwiegend durch Zwang, sondern durch Optimierung. Das Subjekt wird nicht mehr befohlen: Es wird animiert. „Ja, du kannst!“ ersetzt „Du musst!“. Diese smarte Macht braucht eine Sprache, die Freiheit simuliert, während sie Konformität erzeugt. Corporate Bullshit ist das sprachliche Instrumentarium dieser Macht: Die Mitarbeitenden werden nicht angewiesen, sondern „empowert“. Sie werden nicht kontrolliert, sondern „aligned“. Sie scheitern nicht: sie „lernen noch“. Das Subjekt internalisiert die Leistungsanforderung und hält die Sprache ihrer Verpackung für authentisch.
Besonders aufschlussreich ist Müdigkeitsgesellschaft. Er beschreibt dort das erschöpfte Subjekt der Leistungsgesellschaft: einen Menschen, der nicht von äußerem Zwang niedergedrückt wird, sondern an der permanenten Selbstüberforderung zerbricht. Das Tückische an Corporate Bullshit in diesem Kontext ist, dass er die Erschöpfung unsichtbar macht. Wer „noch nicht das volle Potenzial entfaltet“, ist nicht krank: Er ist eine Baustelle. Wer „an einem persönlichen Wachstumsprozess arbeitet“, ist nicht am Limit: Er ist auf dem Weg. Die Sprache des Corporate Bullshits pathologisiert nicht, sie euphemisiert. Und genau damit verhindert sie, dass das erschöpfte Subjekt seine eigene Lage zutreffend beschreiben und damit verändern kann.
In Im Schwarm schließlich analysiert Han die digitale Öffentlichkeit als einen Raum, in dem Resonanz die Wahrheit ersetzt: Was viel geteilt wird, gilt als wahr; was positiv klingt, gilt als gut. Auch hier zeigt sich die strukturelle Verwandtschaft mit Corporate Bullshit. Unternehmensnachrichten, die viral gehen, tun dies nicht, weil sie präzise sind, sondern weil sie resonanzfähig sind: weil sie das sagen, was gehört werden will. Die Sprache optimiert sich auf Applaus, nicht auf Gehalt.
Was Han insgesamt sichtbar macht: Corporate Bullshit ist kein Fehler im System, sondern ein Merkmal seiner Logik. Er entsteht nicht trotz der Leistungsgesellschaft, sondern durch sie: als notwendige Sprachform einer Gesellschaft, die Positivität, Optimierung und Sichtbarkeit als höchste Werte setzt und dafür die Fähigkeit zur negativen Dialektik, zur ehrlichen Beschreibung von Wirklichkeit, systematisch abbaut.
Ein gesellschaftliches und politisches Phänomen
Es wäre ein Fehler, Corporate Bullshit auf den betrieblichen Kontext zu beschränken. In gesellschaftlicher Hinsicht ist er ein Symptom einer spezifischen Form der Sprachpolitik, die weit über Unternehmensgrenzen hinausreicht.
Politische Kommunikation operiert oftmals nach denselben Regeln: abstrakte Ziele, die niemanden festlegen, Formulierungen, die gesellschaftlichen Konsens simulieren, ohne ihn herzustellen, und eine Sprache, die Realität nicht abbildet, sondern verwaltet. Das ist politisch nicht nur ärgerlich, sondern auch erosiv: Gesellschaftliches Vertrauen in Institutionen setzt voraus, dass deren Sprache wirklich etwas kommuniziert.
Angesichts dieser gesellschaftlichen Dimension ist es notwendig zu verstehen, wie Corporate Bullshit normiert wird. In deutschen Unternehmen zeigt sich ein besonderes Muster: Deutsche Führungskräfte übernehmen englischsprachige Buzzwords nicht selten als Prestigeform, ohne deren Bedeutung im neuen Kontext zu überprüfen. Der Aufstieg von „Synergien“, „agilem Mindset“ und „purpose-driven leadership“ in der deutschen Unternehmenssprache ist keine bloße Übernahme von Fachbegriffen, sondern oft eine Form gesellschaftlicher Statusperformance. Auch das ist eine Form von Corporate Bullshit: mit einem gesellschaftlich spezifischen deutschen Subtext.
Bullshit als Machtstrategie
Es wäre naiv, Corporate Bullshit ausschließlich als Dysfunktion zu betrachten. Er erfüllt auch strategische Funktionen, die für den Machterhalt in Unternehmen bedeutsam sind.
Präzise Sprache schafft Verbindlichkeit. Wer klar sagt, was gemeint ist, kann daran gemessen werden. Wer in Bullshit kommuniziert, entzieht sich dieser Messbarkeit. Das Abstraktionsniveau schützt vor Rechenschaft.
Gleichzeitig erzeugt Bullshit eine spezifische Asymmetrie: Wer ihn souverän produzieren kann, signalisiert Zugehörigkeit zur Führungsebene; wer ihn nicht versteht oder sich über ihn beschwert, riskiert, als „nicht strategisch denkend“ zu gelten. Die Fähigkeit, Bullshit unhinterfragt zu rezipieren und weiterzuproduzieren, wird zur impliziten Regel mancher Unternehmenskulturen.
Dieser Mechanismus erinnert an das, was der Soziologe Randall Collins als Interaktionsritual beschrieben hat: Geteilte Formen des Ausdrucks erzeugen emotionale Energie und Gruppensolidarität – auch dann, wenn der Inhalt bedeutungslos ist. Corporate Bullshit kann also ein hochfunktionaler Kohäsionsmechanismus sein. Das macht ihn nicht weniger schädlich; es erklärt jedoch, warum er so persistent ist.
Wann wird Bullshit klinisch relevant?
Für die therapeutische Praxis relevant wird Corporate Bullshit dann, wenn er zum Faktor in der Entstehung oder Aufrechterhaltung psychischer Beschwerden wird. Einige Konstellationen verdienen besondere Aufmerksamkeit:
Gaslighting durch institutionellen Bullshit: Wenn eine Person ihre eigene Wahrnehmung einer Situation für zuverlässiger hält als die offizielle Beschreibung – und diese Diskrepanz oft erlebt –, entsteht ein spezifischer Stress, der dem interpersonellen Gaslighting ähnelt. Der betroffene Mensch zweifelt an der eigenen Realitätswahrnehmung, weil die organisationale Sprache eine andere Realität konstruiert.
Burnout durch kognitive Überlastung: Die permanente Notwendigkeit, Bullshit zu übersetzen, zu interpretieren und navigierbar zu machen, ist erschöpfend. In Kombination mit anderen Belastungsfaktoren kann sie zum Auslöser oder zur Aufrechterhaltungsbedingung eines Burnouts werden.
Anpassungsstörungen bei Menschen mit hoher Authentizitätsorientierung: Personen mit ausgeprägtem Integritätsbedürfnis: darunter überproportional viele neurodivergente Menschen: erleben Corporate Bullshit als besonders dysregulierend. Die Anforderung, eine Sprache zu sprechen, die nicht dem eigenen Erleben entspricht, ist für sie keine soziale Anpassungsleistung, sondern eine fundamentale Selbstentfremdung.
Was Klarheit wirklich bedeutet
Littrells Forschung liefert ein wichtiges Gegenargument zu der verbreiteten Annahme, klare Kommunikation sei in komplexen Unternehmen nicht praktikabel. Der Unterschied zwischen Fachsprache und Corporate Bullshit zeigt: Komplexität und Klarheit schließen sich nicht aus. Fachsprache kann und soll komplex sein: sie muss nur tatsächlich etwas kommunizieren.
Unternehmen, die in Klarheit investieren, investieren in das Vertrauen ihrer Mitglieder. Sie signalisieren: Es ist notwendig und möglich, über Realität direkt zu sprechen. Das ist, psychologisch gesprochen, eine Form von Respekt und eine notwendige gesellschaftliche Grundbedingung für psychologische Sicherheit in der Arbeitswelt.
Die Microsoft-E-Mail von 2014 ist in diesem Sinne kein bloßes Kommunikationsversagen. Sie ist ein Dokument organisationaler Feigheit. Und sie hat das, was sie verschleiern wollte, nur umso sichtbarer gemacht.
FAQ: Corporate-Bullshit und Psychologie
Was ist Corporate Bullshit genau?
Corporate Bullshit bezeichnet eine Form der Unternehmenskommunikation, die abstrakte Buzzwords und vage Formulierungen einsetzt, ohne reale Informationen zu transportieren. Der Begriff wurde von Kognitionspsychologen wie Shane Littrell wissenschaftlich definiert und untersucht.
Wie unterscheidet sich Corporate Bullshit von Fachsprache?
Fachsprache kommuniziert präzise innerhalb einer Expertengruppe und hat echten Informationsgehalt. Corporate Bullshit hingegen simuliert nur Bedeutsamkeit und dient primär der Selbstdarstellung oder dem Schutz vor Verbindlichkeit. Diese Unterscheidung zu verstehen ist notwendig, um das Phänomen richtig einzuordnen.
Welche psychologischen Auswirkungen hat Corporate Bullshit auf Mitarbeitende?
Forschungsergebnisse zeigen negative Auswirkungen auf Leistung, Vertrauen und das allgemeine Wohlbefinden. Langfristig kann Bullshit-Kommunikation zu Zynismus, innerer Kündigung und im Extremfall zu Burnout beitragen.
Warum ist Corporate Bullshit in Unternehmen so verbreitet?
Bullshit-Kommunikation erfüllt organisationale Funktionen: Sie schützt vor Rechenschaft, signalisiert Zugehörigkeit zu Führungsschichten und folgt der gesellschaftlichen Regel, Zuversicht über Klarheit zu stellen. Diese Funktionalität erklärt ihre Persistenz trotz bekannter Schäden.
Ist Corporate Bullshit auch ein gesellschaftliches und politisches Problem?
Ja. Gesellschaftlich betrachtet operiert politische Kommunikation oft nach ähnlichen Regeln wie Corporate Bullshit: mit ähnlich erosiven Folgen für das institutionelle Vertrauen. In deutschen Kontexten zeigt sich zudem eine spezifische Form der Statusperformance durch englische Managementsprache.
Was hat Psychotherapie mit Corporate Bullshit zu tun?
In der therapeutischen Praxis begegnet das Thema häufig als Hintergrundbelastung. Für den Menschen, der in einem Bullshit-geprägten Arbeitskontext funktionieren soll, ist das Benennen des Phänomens oft therapeutisch entlastend: weil es die eigene Wahrnehmung validiert und den erlebten Stress als nachvollziehbar einordnet.
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