Im Staunen die Zeit vergessen? Psychologie des Staunens

Im Staunen die Zeit vergessen? Psychologie des Staunens

Psychologie des Staunens

Veröffentlicht am:

19.03.2026

ein großer schneebedeckter Berg

DESCRIPTION:

Wer staunt, erlebt Zeit anders, das ist empirisch belegt. Dacher Keltner und die Awe-Forschung erklären, warum Ehrfurcht das Gehirn ins Jetzt zwingt, warum Schrecken und Bewunderung nah beieinanderliegen, und warum der Verlust des Staunens ein unterschätztes Symptom chronischer Erschöpfung ist.

Warum das Wunder des Staunens die Zeit dehnt – und was Burnout damit zu tun hat

Wer wirklich staunt, weiß: Danach ist nichts mehr wie vorher. Die Zeit dehnt sich. Das Selbst tritt kurz zurück. Und für einen Augenblick ist die Welt größer als jede Aufgabenliste.

Worum es geht:

·        was beim Staunen psychologisch und kulturhistorisch geschieht,

·        warum das Staunen die Zeitwahrnehmung verändert,

·        was Pablo Neruda und aktuelle Studien gemeinsam haben, und,

·        warum der Verlust dieses Zustands zu den unterschätzten Merkmalen chronischer Erschöpfung gehört.

Wer verstehen will, was in uns vorgeht, wenn wir von etwas überwältigt werden, findet hier eine Antwort, die weder esoterisch noch trivial ist.

Staunen: was passiert dabei eigentlich?

Wer staunt, über ein Polarlicht über winterlicher Landschaft, einen vollständigen Regenbogen am Abendhimmel, einen Satz, der plötzlich alles benennt, trägt etwas davon. Was aber genau? Das Phänomen ist leichter zu erleben als zu beschreiben, und das ist kein Zufall: Das Staunen setzt genau dort an, wo die gewohnten Kategorien nicht mehr ausreichen.

Schon lange erforschen Wissenschaftler das Staunen. Das Gefühl ist ein kognitiv fassbarer Zustand mit messbaren Auswirkungen auf Gehirn, Körper und Zeitwahrnehmung.

Wie definiert die Psychologie das Staunen?

Das Staunen umfasst eine ganze Familie verwandter Zustände: von der stillen Neugier über die tiefe Bewunderung bis hin zu dem, was als Schrecken des Überwältigtseins erlebt wird. US-Psychologe Dacher Keltner legte 2003 gemeinsam mit Jonathan Haidt die einflussreichste Definition vor: Ehrfürchtiges Staunen entsteht, wenn Größe zur  gedanklichen Anpassung zwingt. Das mentale Schema muss sich neu konfigurieren.

Keltner unterscheidet das ästhetische Staunen bewusst von anderen positiven Emotionen wie Freude oder Lust. Nicht jedes intensive Erlebnis ist gemeint: Es braucht etwas, das das eigene Maß übersteigt. Was das konkret bedeutet, variiert von Mensch zu Mensch, aber die Grundstruktur ist dieselbe: Das Erleben lässt sich nicht reibungslos einordnen. Und genau das macht diesen Zustand folgenreich.

Erstaunen oder beeindruckt?

Erstaunen aktiviert ein Areal der Hirnrinde, den insulären Kortex und den anterioren cingulären Kortex. Beide Regionen sind für die Integration körperlicher Signale und affektiver Bewertungen zuständig. Gleichzeitig treten charakteristische vegetative Veränderungen auf: Die Herzrate verlangsamt sich, die Atmung wird tiefer, Schauder setzt ein.

Jennifer Stellar und ihr Team zeigten, dass solche Erfahrungen mit niedrigeren Spiegeln proinflammatorischer Zytokine assoziiert sind. Das deutet auf einen Zusammenhang zwischen emotionalem Erleben und neuroendokriner Regulation hin. Forschung hat das erst ansatzweise erfasst.

Zwischen Bewunderung und Schrecken

Das Staunen ist nicht ausschließlich angenehm. Aristoteles kannte diese Ambivalenz. Für ihn beginnt das Denken beim Staunen: Das Substantiv θαῦμα (thauma) bedeutet im Griechischen „Wunder“, „Wunderwerk“, „wundersame Erscheinung“, teils auch „etwas Merkwürdiges/Staunenswertes“.

Für den Akt des Staunens ist das Verb θαυμάζειν (thaumazein) einschlägig, das etwa „staunen, sich wundern, bewundern“ bedeutet und in der Philosophiegeschichte (Platon, Aristoteles) als Ursprung des Philosophierens gilt.

Dasselbe Erlebnis des Erstaunens wird also, je nach innerer Stabilität, unterschiedlich verarbeitet: Wer staunt ohne ausreichende Ressourcen, erlebt das Größere als Bedrohung. Diese Bedingungen sind genauso wichtig wie das Staunen selbst.

Literatur und Kulturgeschichte des Staunens

Die Erfahrung des Gestaunt-Habens ist keine Erfindung der Gegenwart. Sie durchzieht die Literatur seit Jahrhunderten. Die Wissenschaftlerin Nicola Gess, Professorin an der Universität Basel, hat in ihrer Arbeit zur Kulturgeschichte des Staunens gezeigt, wie Texte das Staunenswerte seit der Frühen Neuzeit nicht nur thematisieren, sondern ästhetisch inszenieren: als Unterbrechung des Diskurses, als offene Frage, als Darstellungsproblem, das die Tradition immer wieder neu stellen muss.

Die Ästhetik des Staunens ist der Versuch, eine menschliche Grunderfahrung in handhabbare Form zu bringen und dabei den Eigenwert des Erlebens zu erhalten, ohne ihn durch Erklärung aufzulösen.

Erkenntnis durch Staunen

Gemeinsam mit Mireille Schnyder (Universität Zürich) und Hugues Marchal hat Nicola Gess umfangreiche Studien zu den Poetiken des Staunens vorgelegt. Jedes Jahrhundert entwickelt dabei eigene Formen, das Staunen zu gestalten: von der Mystik bis zur Gegenwartsliteratur. Das Großartige ist eine Form von Erkenntnis. Sie erzeugt Verständnis, das die bloße Vorstellung nicht erzeugen kann.

Der Zustand bringt etwas Neues ins Bewusstsein, nicht durch Argument, sondern durch Erfahrung. Professor William J. Peters, der nach der Ziegler-Arktisexpedition (1903–1904) die Polarlichtbeobachtungen auswertete, notierte genau das: Wunderbar im ursprünglichsten Wortsinn war nicht das Nordlicht selbst, sondern was das Beobachten unter extremen Bedingungen im Bewusstsein der Männer auslöste. Der Drang zum Verstehen blieb lebendig, wo alles andere erlosch.

Staunen, Burnout und das Rätsel der Zeitlosigkeit

Wer lange unter chronischem Stress steht, verliert seltsamerweise schrittweise den Zugang zu Erfahrungen, die das Selbst für einen Moment außer Kraft setzen. Was einen früher staunen ließ, passiert einfach. Als ob sich das erschöpfte System vor Überreizung schützen würde, indem es die Wahrnehmungsschwelle anhebt, und dabei die Empfindlichkeit für genau das verliert, was Zeitdichte erzeugt.

Psychologisch ist das ein Rätsel, das sorgfältig geöffnet werden muss: Was hat das Zulassen von Überwältigung bedrohlich gemacht? Wann hat das System begonnen, das Unkontrollierbare zu meiden? Die Frage, wann jemand zuletzt wirklich staunt, ist in der therapeutischen Arbeit selten trivial, und die Pause, die ihr oft folgt, häufig informativer als die Antwort.

Warum verändert Ehrfurcht unsere Wahrnehmung von Zeit?

Pablo Neruda beschrieb in einem seiner späten Gedichte zwei Zeitflüsse: einen, der das Vergangene verschlingt, und einen, der das Offene freilegt. Der zentrale Vers bei Neruda lautet sinngemäß: „Die Zeit teilt sich in zwei Flüsse: einer läuft rückwärts, verschlingt, was du lebst, der andere geht mit dir nach vorn und entdeckt dein Leben.“

Es heißt dann: „In einer einzigen Minute kamen sie zusammen: Das ist dieser, dies ist die Stunde, der Tropfen eines Augenblicks, der die Vergangenheit mitreißen wird. Es ist die Gegenwart, sie ist in deinen Händen …“

Das ist mehr als dichterischer Wow-Effekt. Das ist ein empirisch bestätigter Befund. Die Pointe des Gedichts – die Verantwortlichkeit für das Jetzt – lebt davon, dass das Subjekt sich von seinem eigenen Vergangenen noch erfassen und irritieren lässt, statt es als fixierte Geschichte abzulegen; diese Affizierbarkeit ist strukturell eine Form von Staunen.

Umformuliert: Staunen tritt als Wahrnehmungshaltung auf, die die scheinbar „selbstverständliche“ Kontinuität des Lebens unterbricht und damit erst ermöglicht, den Strom der Zeit bewusst umzulenken, statt ihn bloß passiv zu wiederholen.

Melanie Rudd, Kathleen Vohs und Jennifer Aaker zeigten 2012, dass Menschen nach einer „Ehrfurchtserfahrung“ verfügbare Zeit als signifikant größer einschätzen – bei identischer objektiver Dauer. Ehrfurcht dehnt die subjektive Zeit, weil sie das Default-Mode-Network dämpft, das sonst für Grübeln, Zukunftsplanung und Abschweifen in die Vergangenheit zuständig ist. Das Bewusstsein landet im Jetzt, weil das Erleben es dorthin zwingt. Das Innehalten ist seine Folge, nicht seine Voraussetzung.

Nerudas Verse sind erhaben im Wortsinn: in die Höhe hebend, über Anderes herausragend. Was er intuitiv erfasste, hat die Wissenschaft als messbaren Zustand nachgewiesen: Zeitdehnung durch Erleben widerspricht dem gesunden Menschenverstand.

Beide Zugänge, Neruda und Rudd, berühren die Unendlichkeit dessen, was sich erleben lässt: Sie beschreiben etwas Wunderbares in dem Sinn, dass es an die Grenze des Verstehens reicht und trotzdem real ist. Das ist die eigentliche Botschaft: Das Staunen ist kein Luxus, den man sich leistet, wenn alles andere geregelt ist. Es ist eine Bedingung dafür, dass Zeit erlebt wird und nicht nur vergeht.

Das Wichtigste im Überblick

·        Wer staunt, erlebt Zeit subjektiv länger: Das ist empirisch belegt, keine Metapher

·        Das Staunen unterscheidet sich von anderen positiven Emotionen durch eine eigene neurobiologische Signatur und messbare Auswirkungen auf Immunmarker

·        Die Ambivalenz zwischen Ehrfurcht und Bedrohlichem ist strukturell: Dieselbe Erfahrung wirkt je nach innerer Stabilität unterschiedlich

·        Natur- und Geisteswissenschaft beschreiben denselben Sachverhalt aus unterschiedlichen Richtungen: mit verblüffend ähnlichen Befunden

·        Chronische Erschöpfung dämpft die Fähigkeit zu staunen: Das ist kein Randsymptom, sondern Teil des Rückkopplungsmechanismus, der Erschöpfung aufrechterhält

·        Staunen zulassen bedeutet, sich beeinflussen zu lassen: eine Bereitschaft, die unter Dauerstress systematisch abnimmt.


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Warum das Wunder des Staunens die Zeit dehnt – und was Burnout damit zu tun hat

Wer wirklich staunt, weiß: Danach ist nichts mehr wie vorher. Die Zeit dehnt sich. Das Selbst tritt kurz zurück. Und für einen Augenblick ist die Welt größer als jede Aufgabenliste.

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·        warum das Staunen die Zeitwahrnehmung verändert,

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·        warum der Verlust dieses Zustands zu den unterschätzten Merkmalen chronischer Erschöpfung gehört.

Wer verstehen will, was in uns vorgeht, wenn wir von etwas überwältigt werden, findet hier eine Antwort, die weder esoterisch noch trivial ist.

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Wer staunt, über ein Polarlicht über winterlicher Landschaft, einen vollständigen Regenbogen am Abendhimmel, einen Satz, der plötzlich alles benennt, trägt etwas davon. Was aber genau? Das Phänomen ist leichter zu erleben als zu beschreiben, und das ist kein Zufall: Das Staunen setzt genau dort an, wo die gewohnten Kategorien nicht mehr ausreichen.

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Das Staunen umfasst eine ganze Familie verwandter Zustände: von der stillen Neugier über die tiefe Bewunderung bis hin zu dem, was als Schrecken des Überwältigtseins erlebt wird. US-Psychologe Dacher Keltner legte 2003 gemeinsam mit Jonathan Haidt die einflussreichste Definition vor: Ehrfürchtiges Staunen entsteht, wenn Größe zur  gedanklichen Anpassung zwingt. Das mentale Schema muss sich neu konfigurieren.

Keltner unterscheidet das ästhetische Staunen bewusst von anderen positiven Emotionen wie Freude oder Lust. Nicht jedes intensive Erlebnis ist gemeint: Es braucht etwas, das das eigene Maß übersteigt. Was das konkret bedeutet, variiert von Mensch zu Mensch, aber die Grundstruktur ist dieselbe: Das Erleben lässt sich nicht reibungslos einordnen. Und genau das macht diesen Zustand folgenreich.

Erstaunen oder beeindruckt?

Erstaunen aktiviert ein Areal der Hirnrinde, den insulären Kortex und den anterioren cingulären Kortex. Beide Regionen sind für die Integration körperlicher Signale und affektiver Bewertungen zuständig. Gleichzeitig treten charakteristische vegetative Veränderungen auf: Die Herzrate verlangsamt sich, die Atmung wird tiefer, Schauder setzt ein.

Jennifer Stellar und ihr Team zeigten, dass solche Erfahrungen mit niedrigeren Spiegeln proinflammatorischer Zytokine assoziiert sind. Das deutet auf einen Zusammenhang zwischen emotionalem Erleben und neuroendokriner Regulation hin. Forschung hat das erst ansatzweise erfasst.

Zwischen Bewunderung und Schrecken

Das Staunen ist nicht ausschließlich angenehm. Aristoteles kannte diese Ambivalenz. Für ihn beginnt das Denken beim Staunen: Das Substantiv θαῦμα (thauma) bedeutet im Griechischen „Wunder“, „Wunderwerk“, „wundersame Erscheinung“, teils auch „etwas Merkwürdiges/Staunenswertes“.

Für den Akt des Staunens ist das Verb θαυμάζειν (thaumazein) einschlägig, das etwa „staunen, sich wundern, bewundern“ bedeutet und in der Philosophiegeschichte (Platon, Aristoteles) als Ursprung des Philosophierens gilt.

Dasselbe Erlebnis des Erstaunens wird also, je nach innerer Stabilität, unterschiedlich verarbeitet: Wer staunt ohne ausreichende Ressourcen, erlebt das Größere als Bedrohung. Diese Bedingungen sind genauso wichtig wie das Staunen selbst.

Literatur und Kulturgeschichte des Staunens

Die Erfahrung des Gestaunt-Habens ist keine Erfindung der Gegenwart. Sie durchzieht die Literatur seit Jahrhunderten. Die Wissenschaftlerin Nicola Gess, Professorin an der Universität Basel, hat in ihrer Arbeit zur Kulturgeschichte des Staunens gezeigt, wie Texte das Staunenswerte seit der Frühen Neuzeit nicht nur thematisieren, sondern ästhetisch inszenieren: als Unterbrechung des Diskurses, als offene Frage, als Darstellungsproblem, das die Tradition immer wieder neu stellen muss.

Die Ästhetik des Staunens ist der Versuch, eine menschliche Grunderfahrung in handhabbare Form zu bringen und dabei den Eigenwert des Erlebens zu erhalten, ohne ihn durch Erklärung aufzulösen.

Erkenntnis durch Staunen

Gemeinsam mit Mireille Schnyder (Universität Zürich) und Hugues Marchal hat Nicola Gess umfangreiche Studien zu den Poetiken des Staunens vorgelegt. Jedes Jahrhundert entwickelt dabei eigene Formen, das Staunen zu gestalten: von der Mystik bis zur Gegenwartsliteratur. Das Großartige ist eine Form von Erkenntnis. Sie erzeugt Verständnis, das die bloße Vorstellung nicht erzeugen kann.

Der Zustand bringt etwas Neues ins Bewusstsein, nicht durch Argument, sondern durch Erfahrung. Professor William J. Peters, der nach der Ziegler-Arktisexpedition (1903–1904) die Polarlichtbeobachtungen auswertete, notierte genau das: Wunderbar im ursprünglichsten Wortsinn war nicht das Nordlicht selbst, sondern was das Beobachten unter extremen Bedingungen im Bewusstsein der Männer auslöste. Der Drang zum Verstehen blieb lebendig, wo alles andere erlosch.

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Das ist mehr als dichterischer Wow-Effekt. Das ist ein empirisch bestätigter Befund. Die Pointe des Gedichts – die Verantwortlichkeit für das Jetzt – lebt davon, dass das Subjekt sich von seinem eigenen Vergangenen noch erfassen und irritieren lässt, statt es als fixierte Geschichte abzulegen; diese Affizierbarkeit ist strukturell eine Form von Staunen.

Umformuliert: Staunen tritt als Wahrnehmungshaltung auf, die die scheinbar „selbstverständliche“ Kontinuität des Lebens unterbricht und damit erst ermöglicht, den Strom der Zeit bewusst umzulenken, statt ihn bloß passiv zu wiederholen.

Melanie Rudd, Kathleen Vohs und Jennifer Aaker zeigten 2012, dass Menschen nach einer „Ehrfurchtserfahrung“ verfügbare Zeit als signifikant größer einschätzen – bei identischer objektiver Dauer. Ehrfurcht dehnt die subjektive Zeit, weil sie das Default-Mode-Network dämpft, das sonst für Grübeln, Zukunftsplanung und Abschweifen in die Vergangenheit zuständig ist. Das Bewusstsein landet im Jetzt, weil das Erleben es dorthin zwingt. Das Innehalten ist seine Folge, nicht seine Voraussetzung.

Nerudas Verse sind erhaben im Wortsinn: in die Höhe hebend, über Anderes herausragend. Was er intuitiv erfasste, hat die Wissenschaft als messbaren Zustand nachgewiesen: Zeitdehnung durch Erleben widerspricht dem gesunden Menschenverstand.

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