Vom szenischen Verstehen zum Kontrollvektor: Warum das „Large Behavior Model“ die Psychotherapie bedroht
Vom szenischen Verstehen zum Kontrollvektor: Warum das „Large Behavior Model“ die Psychotherapie bedroht
Vom szenischen Verstehen zum Kontrollvektor
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DESCRIPTION: Transformerbasierte Verhaltensmodelle und Foundation Models wie Centaur wollen den Menschen berechnen. Eine tiefenhermeneutische Polemik mit Lorenzer, Han, Agamben und Deleuze über Psychopolitik, Kontrolle und die Verteidigung des therapeutischen Raums.
Vom szenischen Verstehen zum Kontrollvektor: Warum das „Large Behavior Model“ die Psychotherapie bedroht
Die neue Begeisterung für „transformerbasierte Modelle menschlichen Verhaltens“ ist das Symptom einer historischen Verschiebung im Selbstverständnis der Psychologie. Wenn die Cambridge-Reihe „Making a Psychologist“ den Psychologen als „Transformer für menschliches Verhalten“ entwirft und das Nature-Modell Centaur beansprucht, Kognition in jedem beschreibbaren Experiment vorherzusagen, wird der Feuchttraum der Eugenik digitalisiert. Das kündigt die Wandlung der Psychotherapie zum psychopolitischen Instrument an, das einen neuen Menschen schaffen soll. Dieser Text liest diese Entwicklung mit Alfred Lorenzer, Byung-Chul Han, Giorgio Agamben und Gilles Deleuze und verteidigt den therapeutischen Raum gegen seine Verwandlung in ein Kontrolldispositiv.
Was verspricht das „Large Behavior Model“ der Psychologie?
Der Cambridge-Core-Blog formuliert eine Ambition mit einer Offenheit, die fast unfreiwillig aufschlussreich wirkt: Alltagsverhalten wird kontinuierlich aufgezeichnet, in Beschreibungen übersetzt und mit transformerartigen Verfahren zu einem generalisierbaren Verhaltensmodell verdichtet. Der Mensch erscheint darin als Sequenz wahrscheinlicher Zustandsübergänge. Die Leitfrage lautet, welcher Zustand mit welcher Wahrscheinlichkeit auf welchen Reiz folgt, auf welche soziale Situation, welche Schlafdauer, welches Gespräch, welche Zurückweisung.
Was nach ferner Spekulation klingt, hat 2025 einen empirischen Anker bekommen. Das in Nature vorgestellte Modell Centaur, ein auf dem Datensatz Psych-101 feinjustiertes Sprachmodell mit über zehn Millionen Einzelentscheidungen aus 160 Experimenten, schlägt spezialisierte kognitive Modelle in fast allen getesteten Aufgaben und verallgemeinert sogar auf Domänen, die es nie gesehen hat. Die Autoren nennen es „ein Rechenmodell, das menschliches Verhalten in jedem sprachlich ausdrückbaren Experiment vorhersagen und simulieren kann“. Damit steht eine verheerende Grundfigur im Raum: der Traum, das Subjekt ohne Rest in beobachtbare, berechenbare und steuerbare Sequenzen zu zerlegen.
Interaktionsformen: szenische Sedimente oder Datenpunkte?
Der Begriff „Interaktionsform“ ist eine Schlüsselkategorie Alfred Lorenzers und meint sedimentierte Szenen gesellschaftlich vermittelter Beziehungserfahrung. Diese Szenen schreiben sich in den Leib ein, in die Affektorganisation und schließlich in die Symbolbildung des Subjekts. Bei Lorenzer bildet sich das Subjekt in frühen, wiederholten Interaktionsszenen, vorsprachlich und leiblich organisiert, die sich später in symbolische, dann sprachsymbolische Formen umwandeln. Interaktionsformen sind geschichtlich und sozial geformte Einheiten von Leib, Affekt, Szene und Sinn.
Wer sie algorithmisch erfassen will, zielt auf jene szenischen Verdichtungen, in denen sich Subjektgenese und Vergesellschaftung verschränken. Genau darin liegt die Brisanz. Jede technische Reduktion auf messbare Ereignisse verfehlt ihren Gegenstand schon im Ansatz, weil sie den szenischen Überschuss tilgt, der in manifesten Handlungen bloß gebrochen erscheint. Lorenzers Pointe war, dass Trieb immer schon gesellschaftlich geformte Natur ist. Die innere Natur des Menschen bleibt mit gesellschaftlicher Praxis verschränkt, weil das Subjekt sich durch Interaktionsformen hindurch bildet.
Was geschieht, wenn Interaktion zu tokenisierten Ereignissen wird?
Die neue Verhaltensmodellierung setzt genau hier an, in pervertierter Form. Sie behandelt Interaktionsreste, Affektspuren, Sprechakte, Pausen, Alltagssequenzen und situative Übergänge als tokenisierbare Einheiten eines Verhaltensstroms. Aus Lorenzers szenischer Struktur wird ein maschinenlesbares Ereignisprotokoll. Was in der Tiefenhermeneutik den Zugang zum latenten Sinn eröffnet, sinkt in der Datenlogik zum bloßen Input eines prädiktiven Apparats herab.
Der Schritt von der Interaktionsform zum Kontrollvektor bedeutet eine ontologische Verarmung des Psychischen. Bei Lorenzer war Pathologie Ausdruck beschädigter oder zerstörter Symbolisierungsprozesse: Wo Interaktionsformen desymbolisiert werden, entstehen Symptome, Wiederholungszwänge, Klischees und Ideologien, lesbar allein als konflikthafte Vergesellschaftung. Das Modell verrechnet dieselben Phänomene zu statistischen Auffälligkeiten. Es tilgt die Dimension des individuellen Sinns und behält die Häufigkeitskurve.
Ein Wiederholungszwang trägt eine Geschichte, eine verbotene Wunschregung, eine überlebte Szene. Als Token in einem Verhaltensstrom erscheint dieselbe Wiederholung als bloße Frequenz, als erhöhte Übergangswahrscheinlichkeit zwischen zwei Zuständen. Das Modell erkennt, dass ein Verhalten wiederkehrt, und bleibt blind dafür, weshalb es wiederkehrt. Die Frage nach dem Grund, die in der Deutung überhaupt erst einen therapeutischen Raum eröffnet, kommt in der Datenlogik nicht mehr vor. Sie hat keinen Ort im Format.
Psychopolitik: Wie erreicht die Macht die Innerlichkeit?
Byung-Chul Han beschreibt die neoliberale Psychopolitik als Machtform des Aktivierens, Motivierens und Optimierens. Verbote spielen darin kaum noch eine Rolle. Das Subjekt erlebt sich als frei, gerade indem es den Imperativen der Selbststeigerung folgt. Freiheit fungiert hier als Funktionsmodus der Herrschaft. Die Macht dringt in die Psyche ein, um sie produktiv zu machen. Transparenz, Selbstmonitoring und freiwillige Offenlegung bilden den Kern dieser Machttechnik.
Die Idee eines „Large Behavior Model“ passt präzise in dieses Schema. Hans Psychopolitik erhält damit eine technische Ausgestaltung: Die Ausbeutung der Innerlichkeit wird zur operativen Wissenschaft der Verhaltensmodulation. Herrschaft operiert als Selbstverhältnis. Das freiwillig getragene Aufzeichnungsgerät, die selbst installierte Stimmungs-App, das geteilte Schlaf- und Gesprächsprotokoll: jede dieser Praktiken liefert das Material, aus dem sich der prädiktive Wahn speist, und sie werden im Namen der eigenen Verbesserung angeboten.
Ist Vorhersage schon Erkenntnis?
Die Rede vom wissenschaftlichen Fortschritt führt in die Irre. Die Prognoseleistung mag wachsen. Anthropologisch und klinisch schrumpft der Gegenstand. Was in der psychodynamischen Tradition als Ambivalenz, Konflikt, Übertragung oder Abwehr erscheint, wird im psychopolitischen Paradigma in Risikosignale und Interventionsfenster übersetzt. Das Modell klassifiziert die Abweichung, wo die Therapie den latenten Sinn hört.
Hier liegt die epistemische Kernverwechslung dieser „neuen Wissenschaft“: Sie hält die Berechenbarkeit eines Ausschnitts für die Wahrheit des Ganzen. Korrelation gilt ihr als Verstehen, Vorhersage als Erkenntnis, Anpassung als Heilung. Der scheinbar stärkste Beleg, Centaurs unerwartete Ausrichtung an fMRT-Hirndaten, obwohl es nur auf Verhalten trainiert wurde, verschärft das Problem, statt es zu lösen. Denn eine wachsende statistische Passung sagt nichts über den Sinn einer Szene, über den Konflikt, der ein Symptom trägt, oder über die Geschichte, die in einem Versprecher aufscheint.
Die Autoren von Centaur reklamieren für ihr Modell sogar einen Beitrag zur Theoriebildung: Es helfe, Lücken bestehender kognitiver Modelle aufzudecken. Diese Wendung verrät die zugrunde liegende primitive Wissenschaftsauffassung. Theorie schrumpft hier zur Verbesserung der Anpassungsgüte eines Prädiktors. Was als kognitive Einsicht firmiert, ist die Feststellung, dass Versuchspersonen mehrere Entscheidungsheuristiken kombinieren. Für ein Verständnis des Subjekts, das sich in konflikthaften Interaktionsformen bildet, liefert eine solche Optimierung nichts. Sie beschreibt genauer die Wahrscheinlichkeit dessen, was Menschen tun, und sagt nichts darüber, was es bedeutet.
Biopolitik: Was macht die algorithmische Verhaltensmodellierung mit dem Leben?
Giorgio Agambens Theorie des Dispositivs beschreibt (mit Foucault) Arrangements, in denen Leben erfasst, klassifiziert und regierbar gemacht wird. Der Ausnahmezustand meint dabei eine Form der Normalisierung, in der Leben fortwährend unter der Bedingung potenzieller Suspendierung steht. Genau das geschieht, wenn alltägliches Verhalten permanent auf Auffälligkeit, Risiko, Eskalation oder Dysregulation hin lesbar gemacht wird.
Tragbare Geräte, die Gesprächs- und Verhaltensdaten im Alltag mitschneiden, schaffen die materielle Voraussetzung einer lückenlosen Ausnahmeverwaltung. Wer fortlaufend als möglicherweise krisenhaft, rückfällig, ineffizient, depressiv, aggressiv oder dysreguliert adressierbar ist, lebt bereits in einer präventiven Zone algorithmischer Verdachtsproduktion. Das klinische Problem wandert dann aus dem Sprechen des Subjekts in die statistische Abweichung seines Verlaufs ab. Agambens „nacktes Leben“ kehrt in psychometrischer Form wieder: als bloßes Verhalten, abgetrennt von Geschichte, Sprache und Konflikt, als „digitales Leben“.
Wird der therapeutische Raum selbst zum Dispositiv?
Unter diesen Bedingungen gerät der therapeutische Raum in Gefahr, selbst zum Dispositiv zu werden. Aus einem geschützten Raum begrenzter, symbolisch vermittelter Interaktion wird ein Knotenpunkt einer Infrastruktur, die Symptome, Beziehungen und Krisen auf ihre administrative Bearbeitbarkeit hin ordnet. Hermeneutisches Verstehen und Behandlung gehen in Ausnahmeverwaltung über.
Gerade weil dieser Übergang im Namen von Prävention, Personalisierung und Fürsorge geschieht, bleibt seine Gewalt unsichtbar. Ein Dashboard, das Rückfallrisiken anzeigt, wirkt hilfreich. Eine App, die vor der depressiven Episode warnt, wirkt fürsorglich. Und doch verschiebt jede dieser Oberflächen die Funktion der Arbeit am Leiden zu seiner verwaltungstechnischen Einhegung. Der geschützte Rahmen, in dem ein Mensch etwas sagen kann, das er selbst noch nicht versteht, wird zum Prokrustesbett permanenter Protokollierung.
Kontrollgesellschaft: Wie moduliert sie das Subjekt?
Gilles Deleuze hat den Übergang von den Disziplinar- zu den Kontrollgesellschaften als Wechsel von Einschließung zu kontinuierlicher Modulation beschrieben. Offene Netze, variable Zugänge, fortlaufende Bewertung und flexible Kodierung formen das Subjekt. Das ‚In-dividuum‘ wird ‚dividierbar‘: in Datenpunkte zerlegbar, in Profile aufspaltbar, in Wahrscheinlichkeiten rekonfigurierbar. Diese Beschreibung ist für die gegenwärtige Psychotechnologie beunruhigend zutreffend.
Transformerbasierte Verhaltensmodelle sind Maschinen der Modulation. Sie fragen nach Übergangswahrscheinlichkeiten, Mustern, Triggern und präventiv veränderbaren Konstellationen. Der Verhaltensraum wird so gerastert, dass bestimmte Entwicklungen wahrscheinlicher und andere unwahrscheinlicher werden. Kontrolle geschieht als Wahrscheinlichkeitsmanagement. Damit wird auch die therapeutische Beziehung aufgebrochen: Übertragung und Gegenübertragung, früher als konflikthafte Szene zu lesen, erscheinen als Abfolge aus Zuständen, Signalen und Rückkopplungen, die sich optimieren ließe. Deleuzes Kontrollgesellschaft erhält ihre intime Form in Session, App, Sensor und Dashboard.
Hybris der „neuen Wissenschaft“
Die Kritik muss an der Grundfigur ansetzen, nicht erst am Missbrauch einer angeblich neutralen Technik. Schon die Annahme, ausreichend dichte Beobachtung, genügend Rechenleistung und große Korpora ließen aus Interaktion Steuerungswissen gewinnen, transportiert eine Theorie des Menschen in sich, die den Menschen gleichermaßen verfehlt und entwertet. Interaktion ist Szene, konflikthaft strukturierte Bedeutung, Sediment gesellschaftlicher Widersprüche im Leib. Ein Modell, das den Versprecher, das Schweigen, die Entgleisung und die affektive Dichte zum Outlier-Signal degradiert, hat den Menschen liquidiert. Es ersetzt Verstehen durch Detektion.
Darin liegt die Hybris: Die Konvergenz von Psychologie, KI und Verhaltensüberwachung verschiebt die Funktion der Psychologie von der kritischen Arbeit an Leidensformen zu deren Einhegung. Ihre epistemische Gewalt konvergiert mit einer sozialen Gewalt, mit den Imperativen von Plattformökonomie, Präventionsregime und Kontrollverwaltung. Die Zukunft, die hier entworfen wird, trägt die Züge eines psychopolitischen Behaviorismus mit neuronaler Fassade.
Was hätte eine kritische Psychoanalyse dem entgegenzuhalten?
Eine kritische Psychoanalyse müsste begriffliche Strenge verlangen. Sie hätte darauf zu bestehen, dass Interaktionsformen szenische Sedimente sind, dass Symptome Kompromissbildungen darstellen und dass das Unbewusste eine Struktur des Nicht-Aufgehens bleibt. Ihre Aufgabe bestünde darin, den szenischen Überschuss wieder lesbar zu machen, den die Datenlogik ausstanzt.
Vor allem hätte sie den therapeutischen Raum gegen seine Umwandlung in ein Dispositiv der Verhaltensmodulation zu verteidigen. Das verlangt begriffliche Klarheit darüber, was Psychotherapie tut: gesellschaftlich gebrochene Interaktionsformen lesbar machen, in denen sich Konflikt, Herrschaft und Beschädigung niederschlagen. Wo die Psychotherapie sich der Logik psychopolitischer Kontrolle ausliefert, verliert sie ihre Methode und mit ihr ihren Gegenstand.
Das Wichtigste in Kürze
• Transformerbasierte „Large Behavior Models“ und Modelle wie Centaur (Nature 2025) behandeln den Menschen als Sequenz wahrscheinlicher Zustandsübergänge und verschieben das Ziel der Psychologie von Verstehen zu Vorhersage und Modulation.
• Bei Alfred Lorenzer sind Interaktionsformen sedimentierte Szenen aus Leib, Affekt und Sinn. Ihre technische Reduktion auf tokenisierte Ereignisse tilgt den szenischen Überschuss und verarmt den Gegenstand des Psychischen.
• Byung-Chul Hans Psychopolitik erklärt, warum das freiwillige Selbstmonitoring so wirksam ist: Herrschaft greift dort am tiefsten, wo sie als Selbstverhältnis und als Freiheit erlebt wird.
• Giorgio Agambens Dispositiv- und Ausnahmezustandsanalyse zeigt die biopolitische Seite: kontinuierliche Aufzeichnung macht Alltag zur präventiven Zone algorithmischer Verdachtsproduktion und droht den therapeutischen Raum selbst zum Dispositiv zu machen.
• Gilles Deleuzes Kontrollgesellschaft beschreibt die Logik exakt: das dividuelle Subjekt, Kontrolle als Wahrscheinlichkeitsmanagement, Modulation statt Einschließung.
• Die Hybris dieser „neuen Wissenschaft“ verwechselt Korrelation mit Verstehen und Anpassung mit Heilung. Eine kritische Psychoanalyse verteidigt den therapeutischen Raum als geschützten Ort symbolisch vermittelter Rede.
Quellen
• Making a Psychologist: Vibe Coding a Data Collector — Cambridge Core Blog
• A foundation model to predict and capture human cognition (Centaur) — Nature
• Byung-Chul Han: Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken — S. Fischer Verlage
• Byung-Chul Han über Neoliberalismus: Die größte Ausbeute — taz
• Szenisches Verstehen — Forschungswerkstatt Tiefenhermeneutik
Alfred Lorenzer: Metatheorie der Psychoanalyse — Deutsches Ärzteblatt
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Jacques Lacan, Psychoanalyse und Subjekt – Suizid und die fundamentale Ethik der Psychoanalyse
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Die neue Begeisterung für „transformerbasierte Modelle menschlichen Verhaltens“ ist das Symptom einer historischen Verschiebung im Selbstverständnis der Psychologie. Wenn die Cambridge-Reihe „Making a Psychologist“ den Psychologen als „Transformer für menschliches Verhalten“ entwirft und das Nature-Modell Centaur beansprucht, Kognition in jedem beschreibbaren Experiment vorherzusagen, wird der Feuchttraum der Eugenik digitalisiert. Das kündigt die Wandlung der Psychotherapie zum psychopolitischen Instrument an, das einen neuen Menschen schaffen soll. Dieser Text liest diese Entwicklung mit Alfred Lorenzer, Byung-Chul Han, Giorgio Agamben und Gilles Deleuze und verteidigt den therapeutischen Raum gegen seine Verwandlung in ein Kontrolldispositiv.
Was verspricht das „Large Behavior Model“ der Psychologie?
Der Cambridge-Core-Blog formuliert eine Ambition mit einer Offenheit, die fast unfreiwillig aufschlussreich wirkt: Alltagsverhalten wird kontinuierlich aufgezeichnet, in Beschreibungen übersetzt und mit transformerartigen Verfahren zu einem generalisierbaren Verhaltensmodell verdichtet. Der Mensch erscheint darin als Sequenz wahrscheinlicher Zustandsübergänge. Die Leitfrage lautet, welcher Zustand mit welcher Wahrscheinlichkeit auf welchen Reiz folgt, auf welche soziale Situation, welche Schlafdauer, welches Gespräch, welche Zurückweisung.
Was nach ferner Spekulation klingt, hat 2025 einen empirischen Anker bekommen. Das in Nature vorgestellte Modell Centaur, ein auf dem Datensatz Psych-101 feinjustiertes Sprachmodell mit über zehn Millionen Einzelentscheidungen aus 160 Experimenten, schlägt spezialisierte kognitive Modelle in fast allen getesteten Aufgaben und verallgemeinert sogar auf Domänen, die es nie gesehen hat. Die Autoren nennen es „ein Rechenmodell, das menschliches Verhalten in jedem sprachlich ausdrückbaren Experiment vorhersagen und simulieren kann“. Damit steht eine verheerende Grundfigur im Raum: der Traum, das Subjekt ohne Rest in beobachtbare, berechenbare und steuerbare Sequenzen zu zerlegen.
Interaktionsformen: szenische Sedimente oder Datenpunkte?
Der Begriff „Interaktionsform“ ist eine Schlüsselkategorie Alfred Lorenzers und meint sedimentierte Szenen gesellschaftlich vermittelter Beziehungserfahrung. Diese Szenen schreiben sich in den Leib ein, in die Affektorganisation und schließlich in die Symbolbildung des Subjekts. Bei Lorenzer bildet sich das Subjekt in frühen, wiederholten Interaktionsszenen, vorsprachlich und leiblich organisiert, die sich später in symbolische, dann sprachsymbolische Formen umwandeln. Interaktionsformen sind geschichtlich und sozial geformte Einheiten von Leib, Affekt, Szene und Sinn.
Wer sie algorithmisch erfassen will, zielt auf jene szenischen Verdichtungen, in denen sich Subjektgenese und Vergesellschaftung verschränken. Genau darin liegt die Brisanz. Jede technische Reduktion auf messbare Ereignisse verfehlt ihren Gegenstand schon im Ansatz, weil sie den szenischen Überschuss tilgt, der in manifesten Handlungen bloß gebrochen erscheint. Lorenzers Pointe war, dass Trieb immer schon gesellschaftlich geformte Natur ist. Die innere Natur des Menschen bleibt mit gesellschaftlicher Praxis verschränkt, weil das Subjekt sich durch Interaktionsformen hindurch bildet.
Was geschieht, wenn Interaktion zu tokenisierten Ereignissen wird?
Die neue Verhaltensmodellierung setzt genau hier an, in pervertierter Form. Sie behandelt Interaktionsreste, Affektspuren, Sprechakte, Pausen, Alltagssequenzen und situative Übergänge als tokenisierbare Einheiten eines Verhaltensstroms. Aus Lorenzers szenischer Struktur wird ein maschinenlesbares Ereignisprotokoll. Was in der Tiefenhermeneutik den Zugang zum latenten Sinn eröffnet, sinkt in der Datenlogik zum bloßen Input eines prädiktiven Apparats herab.
Der Schritt von der Interaktionsform zum Kontrollvektor bedeutet eine ontologische Verarmung des Psychischen. Bei Lorenzer war Pathologie Ausdruck beschädigter oder zerstörter Symbolisierungsprozesse: Wo Interaktionsformen desymbolisiert werden, entstehen Symptome, Wiederholungszwänge, Klischees und Ideologien, lesbar allein als konflikthafte Vergesellschaftung. Das Modell verrechnet dieselben Phänomene zu statistischen Auffälligkeiten. Es tilgt die Dimension des individuellen Sinns und behält die Häufigkeitskurve.
Ein Wiederholungszwang trägt eine Geschichte, eine verbotene Wunschregung, eine überlebte Szene. Als Token in einem Verhaltensstrom erscheint dieselbe Wiederholung als bloße Frequenz, als erhöhte Übergangswahrscheinlichkeit zwischen zwei Zuständen. Das Modell erkennt, dass ein Verhalten wiederkehrt, und bleibt blind dafür, weshalb es wiederkehrt. Die Frage nach dem Grund, die in der Deutung überhaupt erst einen therapeutischen Raum eröffnet, kommt in der Datenlogik nicht mehr vor. Sie hat keinen Ort im Format.
Psychopolitik: Wie erreicht die Macht die Innerlichkeit?
Byung-Chul Han beschreibt die neoliberale Psychopolitik als Machtform des Aktivierens, Motivierens und Optimierens. Verbote spielen darin kaum noch eine Rolle. Das Subjekt erlebt sich als frei, gerade indem es den Imperativen der Selbststeigerung folgt. Freiheit fungiert hier als Funktionsmodus der Herrschaft. Die Macht dringt in die Psyche ein, um sie produktiv zu machen. Transparenz, Selbstmonitoring und freiwillige Offenlegung bilden den Kern dieser Machttechnik.
Die Idee eines „Large Behavior Model“ passt präzise in dieses Schema. Hans Psychopolitik erhält damit eine technische Ausgestaltung: Die Ausbeutung der Innerlichkeit wird zur operativen Wissenschaft der Verhaltensmodulation. Herrschaft operiert als Selbstverhältnis. Das freiwillig getragene Aufzeichnungsgerät, die selbst installierte Stimmungs-App, das geteilte Schlaf- und Gesprächsprotokoll: jede dieser Praktiken liefert das Material, aus dem sich der prädiktive Wahn speist, und sie werden im Namen der eigenen Verbesserung angeboten.
Ist Vorhersage schon Erkenntnis?
Die Rede vom wissenschaftlichen Fortschritt führt in die Irre. Die Prognoseleistung mag wachsen. Anthropologisch und klinisch schrumpft der Gegenstand. Was in der psychodynamischen Tradition als Ambivalenz, Konflikt, Übertragung oder Abwehr erscheint, wird im psychopolitischen Paradigma in Risikosignale und Interventionsfenster übersetzt. Das Modell klassifiziert die Abweichung, wo die Therapie den latenten Sinn hört.
Hier liegt die epistemische Kernverwechslung dieser „neuen Wissenschaft“: Sie hält die Berechenbarkeit eines Ausschnitts für die Wahrheit des Ganzen. Korrelation gilt ihr als Verstehen, Vorhersage als Erkenntnis, Anpassung als Heilung. Der scheinbar stärkste Beleg, Centaurs unerwartete Ausrichtung an fMRT-Hirndaten, obwohl es nur auf Verhalten trainiert wurde, verschärft das Problem, statt es zu lösen. Denn eine wachsende statistische Passung sagt nichts über den Sinn einer Szene, über den Konflikt, der ein Symptom trägt, oder über die Geschichte, die in einem Versprecher aufscheint.
Die Autoren von Centaur reklamieren für ihr Modell sogar einen Beitrag zur Theoriebildung: Es helfe, Lücken bestehender kognitiver Modelle aufzudecken. Diese Wendung verrät die zugrunde liegende primitive Wissenschaftsauffassung. Theorie schrumpft hier zur Verbesserung der Anpassungsgüte eines Prädiktors. Was als kognitive Einsicht firmiert, ist die Feststellung, dass Versuchspersonen mehrere Entscheidungsheuristiken kombinieren. Für ein Verständnis des Subjekts, das sich in konflikthaften Interaktionsformen bildet, liefert eine solche Optimierung nichts. Sie beschreibt genauer die Wahrscheinlichkeit dessen, was Menschen tun, und sagt nichts darüber, was es bedeutet.
Biopolitik: Was macht die algorithmische Verhaltensmodellierung mit dem Leben?
Giorgio Agambens Theorie des Dispositivs beschreibt (mit Foucault) Arrangements, in denen Leben erfasst, klassifiziert und regierbar gemacht wird. Der Ausnahmezustand meint dabei eine Form der Normalisierung, in der Leben fortwährend unter der Bedingung potenzieller Suspendierung steht. Genau das geschieht, wenn alltägliches Verhalten permanent auf Auffälligkeit, Risiko, Eskalation oder Dysregulation hin lesbar gemacht wird.
Tragbare Geräte, die Gesprächs- und Verhaltensdaten im Alltag mitschneiden, schaffen die materielle Voraussetzung einer lückenlosen Ausnahmeverwaltung. Wer fortlaufend als möglicherweise krisenhaft, rückfällig, ineffizient, depressiv, aggressiv oder dysreguliert adressierbar ist, lebt bereits in einer präventiven Zone algorithmischer Verdachtsproduktion. Das klinische Problem wandert dann aus dem Sprechen des Subjekts in die statistische Abweichung seines Verlaufs ab. Agambens „nacktes Leben“ kehrt in psychometrischer Form wieder: als bloßes Verhalten, abgetrennt von Geschichte, Sprache und Konflikt, als „digitales Leben“.
Wird der therapeutische Raum selbst zum Dispositiv?
Unter diesen Bedingungen gerät der therapeutische Raum in Gefahr, selbst zum Dispositiv zu werden. Aus einem geschützten Raum begrenzter, symbolisch vermittelter Interaktion wird ein Knotenpunkt einer Infrastruktur, die Symptome, Beziehungen und Krisen auf ihre administrative Bearbeitbarkeit hin ordnet. Hermeneutisches Verstehen und Behandlung gehen in Ausnahmeverwaltung über.
Gerade weil dieser Übergang im Namen von Prävention, Personalisierung und Fürsorge geschieht, bleibt seine Gewalt unsichtbar. Ein Dashboard, das Rückfallrisiken anzeigt, wirkt hilfreich. Eine App, die vor der depressiven Episode warnt, wirkt fürsorglich. Und doch verschiebt jede dieser Oberflächen die Funktion der Arbeit am Leiden zu seiner verwaltungstechnischen Einhegung. Der geschützte Rahmen, in dem ein Mensch etwas sagen kann, das er selbst noch nicht versteht, wird zum Prokrustesbett permanenter Protokollierung.
Kontrollgesellschaft: Wie moduliert sie das Subjekt?
Gilles Deleuze hat den Übergang von den Disziplinar- zu den Kontrollgesellschaften als Wechsel von Einschließung zu kontinuierlicher Modulation beschrieben. Offene Netze, variable Zugänge, fortlaufende Bewertung und flexible Kodierung formen das Subjekt. Das ‚In-dividuum‘ wird ‚dividierbar‘: in Datenpunkte zerlegbar, in Profile aufspaltbar, in Wahrscheinlichkeiten rekonfigurierbar. Diese Beschreibung ist für die gegenwärtige Psychotechnologie beunruhigend zutreffend.
Transformerbasierte Verhaltensmodelle sind Maschinen der Modulation. Sie fragen nach Übergangswahrscheinlichkeiten, Mustern, Triggern und präventiv veränderbaren Konstellationen. Der Verhaltensraum wird so gerastert, dass bestimmte Entwicklungen wahrscheinlicher und andere unwahrscheinlicher werden. Kontrolle geschieht als Wahrscheinlichkeitsmanagement. Damit wird auch die therapeutische Beziehung aufgebrochen: Übertragung und Gegenübertragung, früher als konflikthafte Szene zu lesen, erscheinen als Abfolge aus Zuständen, Signalen und Rückkopplungen, die sich optimieren ließe. Deleuzes Kontrollgesellschaft erhält ihre intime Form in Session, App, Sensor und Dashboard.
Hybris der „neuen Wissenschaft“
Die Kritik muss an der Grundfigur ansetzen, nicht erst am Missbrauch einer angeblich neutralen Technik. Schon die Annahme, ausreichend dichte Beobachtung, genügend Rechenleistung und große Korpora ließen aus Interaktion Steuerungswissen gewinnen, transportiert eine Theorie des Menschen in sich, die den Menschen gleichermaßen verfehlt und entwertet. Interaktion ist Szene, konflikthaft strukturierte Bedeutung, Sediment gesellschaftlicher Widersprüche im Leib. Ein Modell, das den Versprecher, das Schweigen, die Entgleisung und die affektive Dichte zum Outlier-Signal degradiert, hat den Menschen liquidiert. Es ersetzt Verstehen durch Detektion.
Darin liegt die Hybris: Die Konvergenz von Psychologie, KI und Verhaltensüberwachung verschiebt die Funktion der Psychologie von der kritischen Arbeit an Leidensformen zu deren Einhegung. Ihre epistemische Gewalt konvergiert mit einer sozialen Gewalt, mit den Imperativen von Plattformökonomie, Präventionsregime und Kontrollverwaltung. Die Zukunft, die hier entworfen wird, trägt die Züge eines psychopolitischen Behaviorismus mit neuronaler Fassade.
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Eine kritische Psychoanalyse müsste begriffliche Strenge verlangen. Sie hätte darauf zu bestehen, dass Interaktionsformen szenische Sedimente sind, dass Symptome Kompromissbildungen darstellen und dass das Unbewusste eine Struktur des Nicht-Aufgehens bleibt. Ihre Aufgabe bestünde darin, den szenischen Überschuss wieder lesbar zu machen, den die Datenlogik ausstanzt.
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• Transformerbasierte „Large Behavior Models“ und Modelle wie Centaur (Nature 2025) behandeln den Menschen als Sequenz wahrscheinlicher Zustandsübergänge und verschieben das Ziel der Psychologie von Verstehen zu Vorhersage und Modulation.
• Bei Alfred Lorenzer sind Interaktionsformen sedimentierte Szenen aus Leib, Affekt und Sinn. Ihre technische Reduktion auf tokenisierte Ereignisse tilgt den szenischen Überschuss und verarmt den Gegenstand des Psychischen.
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• Gilles Deleuzes Kontrollgesellschaft beschreibt die Logik exakt: das dividuelle Subjekt, Kontrolle als Wahrscheinlichkeitsmanagement, Modulation statt Einschließung.
• Die Hybris dieser „neuen Wissenschaft“ verwechselt Korrelation mit Verstehen und Anpassung mit Heilung. Eine kritische Psychoanalyse verteidigt den therapeutischen Raum als geschützten Ort symbolisch vermittelter Rede.
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